An Affen scheiden sich die Geister. Manche Menschen finden sie niedlich, entzückend, possierlich, manche glauben, eine vorväterliche Weisheit in den zerfurchten Greisengesichtern zu erkennen ("diese uralten Augen"). Andere schaudert es vor dem zerlumpten Fell, den gräulichen Hauern, dem Geschrei und Gezänk des dauererregten Sippenlebens. Ein Widerspruch ist es nicht, denn beides, die Sympathie wie die Antipathie, wurzelt in der Menschenverwandtschaft. Im äffischen Gegenüber benoten wir uns selbst. Die einen sehen das süße Kind im Affen, den noch nicht zur Schuldfähigkeit entwickelten Menschen, die Natur im paradiesisch verspielten Zustand. Die anderen sehen eine Karikatur des erwachsenen Menschen, eine sehr unreinliche, obszöne und bissige Karikatur. Der blaurot geschwollene Pavianhintern, das Fell, das beim Orang-Utan schon nicht mehr als Pelz, sondern nur noch als ungepflegte Behaarung erscheint, das aggressive Keckern der Schimpansen, das ein Raubtiergebiss enthüllt. Einzig die Gorillas, diese sanften, pflanzenzerkauenden Riesen erwecken in ihrer achtsamen Gebremstheit so etwas wie Vertrauen – ein Gefühl möglicher Nähe.

Auch der Mensch ist ein Menschenaffe, also ein Tier aus der Ordnung der Primaten, das lässt sich hier erfahren und muss nicht kränken, es kann als tröstliche Rücksortierung in den Zusammenhang der Schöpfung begriffen werden. Man kann es aber auch andersherum empfinden, und dann ist der Mensch zwar ein Tier, aber leider ein hässliches aus der Ordnung der Affen, aus der Welt der Halbbewussten, denen es nicht an Intelligenz, doch an Vernunft und Maß und Ruhe grässlich mangelt. Warum kann der Mensch nicht dem Tiger verwandt sein, dem Schwertwal oder irgendeinem anderen makellos eleganten, aristokratischen Räuber? Oder einer Libelle in ihrer schwerelos schwirrenden, ichbefreiten Artistik? (Wir blenden für einen Moment die Vermutung Gottfried Benns aus, dass schon einem Insekt zu viel Bewusstsein und also Leidensfähigkeit eigne.)

Der größte unter den Affenhassern war Rudyard Kipling, der sie in seinen Dschungelbüchern als lärmende, hämische, ebenso schadenfrohe wie feige Horde beschreibt, die sich an Pech und Pleiten, an der Schwäche der Schwächeren grölend freut. Die indischen Affen bei Kipling sind Sinnbilder eines Publikums, das sich am Scheitern des Künstlers, überhaupt am Stürzen alles Höheren entzückt. Der Anthropomorphismus, mit dem er seine berühmten Tiergestalten schildert – den treuen Bären, die kameradschaftlichen Wölfe, den blutgierigen Tiger –, ist nirgends so allegorisch wie im Porträt der Affenhorde. Da hat man die ganze vernichtende Gesellschaftskritik des Dichters im Kern – die Masse als Erregungsgemeinschaft, die alles, was sich nicht einreiht, schändet und bespuckt. Heute würde man sagen: Kiplings Affen, das ist die Netzgemeinde, der Internetpöbel, der sich im Shitstorm entfaltet.

Die Deutung des Affen als hässliche Seite des Menschen sollte allerdings nicht über unsere wahre zoologische Verwandtschaft hinwegtäuschen. Mit den Primaten zusammen gehören wir zur Überordnung der Euarchontoglires, was heißt, dass die Nagetiere, die Hasenartigen, die Spitzhörnchen und die südostasiatischen Riesengleiter unsere Nächsten sind. Kein Tiger, kein Bär, kein makellos glänzender Schwertwal in Sicht. Was verbindet uns mit den Hörnchen und den Nagern? Am Ende, dass wir gemeinsam dazu neigen, den Wurm, das Korn, die Bockwurst zum Verzehr in einem oder zwei Pfötchen zu halten und systematisch von einem Ende zu anderen durchzuknuspern.

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