Viele Unternehmensberatungen bieten ihre Dienste kostenlos an: Für Museen, Hilfswerke oder Universitäten. Das hilft den Einrichtungen – und den Beratern.

"Darauf, mit unseren Erfolgen mal an die Öffentlichkeit zu gehen, hätten wir natürlich auch selbst kommen können", sagt Andrea Tophoven-von Lassaulx, rötlich getönte Haare, weiße Bluse, und schüttelt den Kopf. "Aber darauf haben uns erst die Studenten gebracht."

Die 53-Jährige arbeitet für den gemeinnützigen Verein Kooperation Arbeiten, Lernen und Ausbildung e. V. (Koala), sie kümmert sich dort unter anderem um die Betreuung von benachteiligten Jugendlichen und Flüchtlingen in der Ausbildung – mit sehr guten Ergebnissen: 90 Prozent schließen diese ab. "Aber das erfährt kein Mensch", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Betreuung und Organisation der Hilfe kosten viel Zeit und haben erste Priorität. Marketing und Fundraising kommen deshalb meist zu kurz.

Das soll sich ändern. Tophoven-von Lassaulx, die seit der Gründung des Vereins 2003 an Bord ist, hat in ihrem Büro im Hamburger Stadtteil Ottensen schon viele Projekte angeschoben, um Menschen zu helfen. Ihr neuestes soll nun dem Verein selbst dienen: Über eine Bekannte hatte sie von der studentischen Unternehmensberatung Sun erfahren und diese kontaktiert. Im Team der Studenten der Nordakademie Elmshorn sind alle Anfang 20 und gut vernetzt, unter anderem mit dem Rotary Club. "Wir erhoffen uns einen frischen Blick auf die Dinge und Kontakte", sagt Tophoven-von Lassaulx, die von den "Suns", wie sie die Studenten nennt, begeistert ist. Am Ende der dreimonatigen Beratung soll ein neues Marketing- und Fundraising-Konzept für den Verein stehen. Die Hilfe bekommt Koala umsonst, denn Sun arbeitet ausschließlich pro bono, also kostenlos für den guten Zweck. Der Lohn für die Studenten: Erfahrung in der Welt des Consultings und eine Zeile mehr im Lebenslauf.

Die Beratungen polieren ihr Image auf und werden attraktiver für die Generation Y

Dass Unternehmensberater unbezahlt coachen, ist keine Idee der Sun-Studenten: Für alle großen Beratungsfirmen gehören Pro-bono-Projekte zum Standardprogramm, sie arbeiten für Museen, NGOs oder Universitäten. Damit soll das Ansehen der Unternehmensberater, das von vielen mit Sparrunden, Kündigungswellen und zugleich horrenden Honoraren verbunden wird, mehr Glanz bekommen. Kapitalismus meets Caritas. "Wenn eine Beratung kostenlos eine Studie erstellt für eine Organisation wie Unicef, färbt das natürlich etwas auf das beratende Unternehmen ab", sagt Thomas Bartscher, Professor für Personal- und Innovationsmanagement an der TH Deggendorf.

"Pro-bono-Projekte sind aber nicht nur gut für die Reputation der Unternehmen", sagt Claudia Schluckebier, die mit ihrer Agentur Proboneo Helfer an Hilfesuchende vermittelt. "Was die Mitarbeiter dort lernen, kann man in keiner Fortbildung erreichen." Sie erhielten Einblicke in andere Themenfelder, erweiterten ihren Horizont. Und weil viele Menschen sich gern sozial engagieren möchten, aber das Gefühl haben, nicht genug Zeit zu haben, um sich nach Feierabend noch in einem Ehrenamt zu betätigen, sei es umso attraktiver, wenn sie ihr Engagement während der Arbeitszeit leisten können. Pro-bono-Projekte würden sich für die Beratungsfirmen also auch insofern positiv auswirken, als sie deren Attraktivität als Arbeitgeber steigerten.

Alexander Baic ist seit vier Jahren verantwortlich für die Pro-bono-Aktivitäten der Boston Consulting Group (BCG) in Deutschland und Österreich. Die US-Beratung hat ihre Mitarbeiter im vergangenen Jahr in rund 300 soziale Projekte geschickt. Das Interesse der Angestellten daran sei schon immer groß gewesen, sagt Baic. Man könne jedoch eine steigende Tendenz beobachten: "Die Generation Y hat ein hohes Interesse an sozialem Engagement." Pro-bono-Projekte seien deshalb nicht nur wichtig, um Mitarbeiter zu gewinnen – sondern auch, um sie zu halten. Das untermauert eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte von 2015. Das Ergebnis: Junge Berufstätige wollen mit dem, was sie tun, auch "ein bisschen die Welt retten". 90 Prozent der Befragten motiviere die Sinnhaftigkeit der Arbeit am meisten, beim aktuellen Arbeitgeber zu bleiben.

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Besonders Projekte für und mit Flüchtlingen sind bei den Probonisten aktuell hoch im Kurs: McKinsey hat unter anderem den Malteser Hilfsdienst beraten, eine der größten karitativen Einrichtungen in Deutschland. Bei der Beratung ging es um Personalplanung und die Neuorganisation von Arbeitsabläufen für die mit der Flüchtlingskrise gewachsenen Aufgaben. Carsten Lotz, promovierter Theologe und Partner im Stuttgarter Büro, hatte durch seine Nähe zur katholischen Kirche die nötigen Verbindungen, von denen die Malteser nun profitieren. "Als im Herbst 2015 viele Tausend Flüchtlinge in Deutschland ankamen, waren dort alle im Feuerlöschmodus, um zu helfen. Keiner hatte die Zeit, optimale Abläufe zu entwickeln", sagt er.