Reality-Shows

Wenn ich auf dieses Thema komme – und ich komme oft darauf, weil ich verstanden werden möchte –, dann können meine Freunde ihr Missbehagen kaum verbergen. Sie fassen es nicht, dass ich Privatsender sehe – und auch noch die Reality-TV-Formate, wie Bauer sucht Frau, Der Bachelor, Adam sucht Eva, Dschungelcamp, The Biggest Loser, Germany’s next Topmodel. Solche Sachen. Sie fragen, ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als meine Restlebenszeit zu verplempern. Im Netz beteuern Blogger, Reality-TV nie einzuschalten. Sie bedauern die Deppen, die das mit sich machen lassen.

Ist mir egal.

Mich interessiert, was viele interessiert. Mich interessiert auch, was Sender denken, was viele Leute interessieren könnte. Wenn man diese Sendungen sieht, sollte man sie oft sehen: Man muss ein Gefühl für die Formate und ihr Personal erwerben. Ich merke sofort, wenn ein Journalist nur bis zur Werbepause ausgehalten hat, aber in seinem gedruckten Verriss die Kennerkarte ausspielt. Er schmückt sich mit seiner Verachtung. Ich aber teste beim Fernsehen meine Menschenkenntnis und meine Loyalität.

Wer wird sich gegen wen verbünden, wer am Ende siegen? Beim Dschungelcamp lag ich, außer bei der Schauspielerin Désirée Nick, immer richtig. Es sind die Stillen, Hilfsbereiten, die gewinnen. Die anrufenden Zuschauer heben zwar die siegessicheren Nervensägen bis ins Finale, aber dann müssen die sich verdutzt trollen. Es siegt ein netterer Mensch. Beim letzten Bachelor – guter Mann nach meinem Geschmack – war ich besorgt, weil er unpassenden Frauen nahekam. Er übersah eine richtig gute. Dass die beiden zuletzt doch ein Paar wurden, hat mich so sehr gefreut, als wären wir verwandt. Sie sind jetzt zusammengezogen und sind glücklich (Recherche in der Fachpresse), das bestätigt meinen Instinkt.

Bei Hochzeit auf den ersten Blick war ich zuerst skeptisch. Die Heiratswilligen sehen sich zum ersten Mal auf dem Standesamt. Sie können dann nur Ja oder Nein sagen. Davor haben Experten mit wissenschaftlichen Methoden eine hohe Wahrscheinlichkeit errechnet, dass diese Paarkombination glücklich werden könnte. Die Paare dürfen sich nach sechs Wochen scheiden lassen, aber die Beziehungen klappen ziemlich oft. Das hat mir zu denken gegeben: Meine selbst entschiedenen Bindungen sind alle schiefgegangen.

Die am häufigsten ironisch-verächtlich zitierte Sendung ist Bauer sucht Frau. Auch hier bezeugen viele Beschimpfungen nur Hochmut und Ahnungslosigkeit. Ich gebe zu, dass die Inszenierung leider oft mit dem Holzhammer vorgeht. Wenn der Bauer draußen mit dem Frühstück an die Tür klopft, wartet drinnen, bei der Frau mit geschlossenen Augen, die Kamera. "Und bitte!", sagt der Regisseur. Frau spielt Aufwachen, Bauer spielt Überraschung.

Es ist aber nicht gespielt, wenn aus den Suchenden Liebende werden. Bei Bauer sucht Frau feierten sie schon siebzehn Hochzeiten, mehrere Kinder wurden geboren. Es ist das einzige erfolgreiche Format, bei dem das Äußere keine große Rolle spielt. Wichtiger sind Fürsorge und Humor, auch Sex. Und ein dicker Hintern ist fast immer von Vorteil.