Warum man die Ökumene feiern sollte, wie sie ist …

1. Wegen Deutschland

Deutschland ist das Land der Spaltung. Hier begann vor 500 Jahren mit Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg die Reformation, das Schisma, mit dem beide Konfessionen seitdem leben müssen. Lange war das konfessionelle Gegenüber Konkurrent, manchmal Feind sogar. Da gab es noch vor Kurzem kalten Krieg am Familienesstisch, wenn ein Protestant einen Katholiken mit nach Hause nahm. Heute dagegen lebt man in "versöhnter Verschiedenheit" zusammen. Da hoffen nur Fantasten auf eine zweite Wiedervereinigung im Land der Teilung. Dabei wird oft übersehen, wie sehr der Wandel durch Annäherung die Konfessionen bereits verändert hat und die Gemeinsamkeiten die Unterschiede schon heute überwiegen. Manchmal bedeutet Ökumene auch, zu feiern, was man hat.

2. Weil das Abendmahl nicht mehr spaltet

In der Theorie trennen Katholiken und Protestanten beim Abendmahlsverständnis Welten. Allerdings: Egal, ob man an eine vollständige oder an eine teilweise Umwandlung von Brot und Wein glaubt, in der Praxis explodiert man nicht, wenn man mal bei der anderen Konfession probiert. So pragmatisch halten es viele Kirchgänger in Deutschland. Damit treiben sie subversiv voran, was theologisch und administrativ noch in weiter Ferne scheint: die gemeinsame Kommunion, das wichtigste Zwischenziel auf dem Weg zur Wiedervereinigung.

3. Denn Not verbindet

Wozu noch Unterschiede markieren, wenn niemand sie mehr wahrnimmt, geschweige denn benennen kann? Die Konfessionen kommen sich auch deshalb näher, weil nur wenige überhaupt noch von konfessionellen Abgrenzungen wissen. Für die Eskapaden des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst sind Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten, Papst Franziskus wiederum bringt auch Protestanten die Sympathie der Säkularen ein. Was nun Lutheraner, Reformierte, Unierte, Baptisten, Methodisten, Alt-Katholische, Evangelisch-Freikirchliche oder Freikirchlich-Evangelische sein sollen, weiß letztlich nur noch Gott. Der aber kann ja auch Haare zählen.

4. Aus Treue zum Grundgesetz

Sie schützen Ehe und Familie, verteidigen die Meinungsfreiheit und streiten so unermüdlich für das Asylrecht, dass es selbst die CDU aufregt. Im Verfassungspatriotismus sind die beiden größten Konfessionen Deutschlands fest zusammengeschweißt. Da hat besonders die katholische Kirche eine Wandlung durchgemacht: Das Staatsverständnis der Römer kaprizierte sich jahrhundertelang auf Monarchie und Gottesgnadentum, von der Demokratie und ihren pluralistischen Auswüchsen hielt man bis in die Sechzigerjahre gar nichts. Das hat sich geändert, nun sind Protestanten und Katholiken in Demokratieliebe vereint.

5. Aus Liebe zu Franziskus

Als der Papst am Reformationstag 2016 nach Schweden zu den Protestanten fuhr und dort, in Lund, auf Spanisch predigte anstatt auf Latein in Rom, war klar: Einen solchen lutherfreundlichen Pontifex hat es seit der Kirchenspaltung noch nicht gegeben. Gegen Prunk und Protz, für die Armen und das Maßhalten, hin und wieder ein bisschen liberaler in der Lehre – so können auch Lutheraner die einstmals verhasste Instanz lieben lernen. Die Führungsspitze der deutschen Protestanten ist denn auch erst vor ein paar Wochen in den Vatikan gereist, um von Franziskus in einer Privataudienz empfangen zu werden. Eigentlich ein unerhörter Vorgang, doch Heinrich Bedford-Strohm nutzte die Situation direkt aus und schenkte Franziskus eine Lutherbibel.

6. Vereint gegen die AfD

Selten waren sich die Kirchen so einig: Die AfD ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Zu rassistisch, zu sexistisch, zu hasserfüllt seien deren Positionen. Das Feindbild schweißt die Konfessionen zusammen. Differenzen werden bedeutungslos. Man steht ja auf der richtigen Seite. "Unser Kreuz hat keine Haken", protestieren beide Kirchen beim AfD-Parteitag in Köln. Der AfD gefiel das gar nicht. Parteimitglieder riefen zum Kirchenaustritt auf. Dabei gibt sich die AfD sonst christlich-konservativ. Der neue Gegner sorgt auch hier für geschlossene Reihen. Eigentlich müsste die AfD der neuen politischen Ökumene dankbar sein.

7. Weil Luther alle mögen

Eine gottesdienstliche Lesung aus der Lutherbibel in einer katholischen Kathedrale? Bis vor Kurzem ein No-Go! Nun die Wende! In der Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale trugen der katholische Erzbischof Heiner Koch und sein evangelischer Kollege Markus Dröge Passagen aus Luthers Bibel vor. Ein "wunderbares Zeichen der Einheit im Klang der lutherschen Sprache", frohlockten die Protestanten, Koch ging nicht ganz so weit, sah sich aber zufrieden, dass die evangelische Kirche das Reformationsjubiläum als "Christusfest" begehe. So können auch Katholiken ihre geheime Lutherfaszination liturgieverträglich ausagieren.