Sebastian Kurz ist überall. Seit der junge Außenminister seine Partei übernommen, ja regelrecht auf die Knie gezwungen hat, surft er auf einer Welle der Aufmerksamkeit. Die einen lieben, die anderen verachten ihn, aber jeder hat eine Meinung über ihn. Gleichgültig lässt der Senkrechtstarter niemanden. In Umfragen zieht Kurz scheinbar mühelos an Christian Kern sowie Heinz-Christian Strache vorbei und schießt auf den ersten Platz – wie seriös die Befragungen sind und welche Schwankungsbreiten die schöne Geschichte stören könnten, interessiert dabei keinen.

Um Sebastian Kurz ist ein Hype ausgebrochen, wie er Österreich alle paar Jahre wieder erreicht. In der politischen Tristesse und den erstarrten Strukturen des Landes, in denen ein Landeshauptmann schon mal ein Vierteljahrhundert durchregiert, giert man nach neuen Gesichtern und spannenden Volten.

Karl-Heinz Grasser war einer dieser Überflieger, ebenso Christian Kern, dem am Höhepunkt gar als Austro-Obama hofiert wurde. Selbst Kurz’ Vorgänger Reinhold Mitterlehner galt einst als Heilsbringer: "Django" nannte die ÖVP ihre Erzählung, als der Oberösterreicher im Herbst 2014 Parteiobmann wurde. Die Grundidee der Story: Ein Draufgänger werde den glück- und farblosen Michael Spindelegger ablösen und die Volkspartei zu neuen Höhenflügen führen. Die Umfragewerte stiegen, man wähnte sich schon auf Platz eins. Am Ende kam alles anders.

Politische Hypes sind Fluch und Segen zugleich, und sie laufen immer nach einem ähnlichen Muster ab. Erst bringen sie Aufmerksamkeit und Umfragehochs. Es ist die Phase des Rauschs, in der sich die Ratio verabschiedet. Wenn Sebastian Kurz verkündet, seine neue Liste für die Nationalratswahl werde sowohl ein Reißverschlussprinzip mit Männern und Frauen wie auch ein Vorzugsstimmensystem beinhalten, schließt sich das zwar aus, doch das wird höchstens kleinlaut hinterfragt. Hübsche Schlagworte reichen in dieser Phase völlig aus.

Wer den Schwung des Anfangs allerdings nicht rasch in Ergebnisse umsetzen kann, die den hohen Erwartungen entsprechen, gilt bald als Enttäuschung. Auf den trunkenen Höhenflug folgt bittere Katerstimmung.

Diese Entwicklungen gibt es zwar überall auf der Welt. Die Euphorie um Barack Obama im Jahr 2008 oder zuletzt um Martin Schulz in Deutschland und um Emmanuel Macron in Frankreich. Doch in Österreich kommt eine spezielle Zutat dazu: das Kleinformat. Das Land sei eine "Boulevard-Demokratie", schrieb der Politologe Fritz Plasser bereits vor einigen Jahren. Die Boulevardpresse ist hier mächtiger als in anderen Ländern, sie dominiert den politischen Diskurs, gibt die Richtung vor, hebt und senkt den Daumen über Politiker.

Der Boulevard liebt neue Gesichter und Umfragewerte. Protzige Balkendiagramme am Cover zeigen, wer gerade politischen Heldenstatus genießt – und wer nicht. Abgefragt wird nicht nur, wer der beste Kanzler sein könnte, sondern auch, wer als besonders "fesch" gilt. Keiner entzieht sich diesem Spiel. Und jeder hofft, in der Gunst der Boulevardreporter zu stehen: Vorgestern war es Django, gestern Christian Kern, heute ziert Sebastian Kurz mit breitem Lächeln die Titelseiten. Der Boulevard verstärkt österreichische Hypes, ohne ihn geht nichts.