Sebastian Kurz könnte sich die Geschichte der Neos ansehen, um zu erahnen, was auf ihn vielleicht noch zukommt. Als die liberale Partei im Herbst 2013 überraschend in den Nationalrat einzog, brach ein Rummel um sie aus, auf den keiner gefasst war. Halb Europa blickte auf die Truppe, internationale Medien klopften an, die europäischen Liberalen verlegten den Auftakt ihres EU-Wahlkampfs nach Wien und die österreichische Presse überhäufte die Pinken mit Liebesbekundungen. Die Neos, so schien es, könne keiner aufhalten, selbst besonnene Köpfe ließen sich davon anstecken. "Sie können momentan gar nichts tun, das als falsch wahrgenommen wird", sagte der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier damals im ORF-Radio.

"Man wird in dieser Phase zur Projektionsfläche von allem und jedem, es werden gigantische Hoffnungen in einen gesetzt, und es geschehen auch viele Verwechslungen", sagt Neos-Parteichef Matthias Strolz. Die politischen Positionen seien in dieser Zeit völlig egal. "Kurz nach dem Abklingen des Anfangselans, drei Monate nach der Wahl, kam ein Parteimitglied auf mich zu und meinte, er trete aus. Er habe nämlich mitbekommen, dass Neos für die europäische Einigung seien", erzählt Strolz. "Dass das von Anfang an ein ganz zentrales Anliegen von uns war, ist dort nicht angekommen. So ein Hype ist ein emotionales Ereignis, kein rationales."

Wichtig sei das sogenannte Erwartungsmanagement nach innen und außen, sagt Strolz. Einerseits könne man schlecht sagen, man sei nicht so gut, wie alle glauben, andererseits müsse man der Versuchung widerstehen, den Genialitätszuschreibungen selbst zu erliegen. "Und vor allem muss man wissen, dass das eine Kurve ist, die wieder steil nach unten gehen wird", sagt Strolz. "Wir wussten, dass wir die eine oder andere Erwartung enttäuschen werden."

Das passierte bald. Denn ORF-Orakel Filzmaier irrte gehörig, natürlich konnten die Neos Fehler begehen. Einmal stolperten sie ungeschickt, das andere Mal tappten sie in Fallen. Ihre Forderungen wurden von politischen Gegnern gerne missverstanden. Am Ende standen sie als neoliberale Säcke da, die angeblich die Wasserversorgung privatisieren und die Wohnbauförderung abschaffen wollten. Dass Strolz ein paarmal zu oft öffentlichkeitswirksam einen Baum umarmte, sich im Bademantel am Klavier fotografieren ließ und einer Reporterin ein Gedicht zusandte, war auch nur bedingt hilfreich. Der Liebesentzug war abrupt und brutal.

Darauf vorbereiten kann man sich nur teilweise. "Je austherapierter jemand ist, der in die Politik geht, desto weniger verführbar ist er und umso besser geht er mit den vielen Verletzungen um", sagt Matthias Strolz. "Ein Hype ist imposant, aber letztlich fruchtlos, weil kein nachhaltiges Wachstum daraus entsteht, das muss einem klar sein. Trotzdem erliegt man natürlich selbst den Glücksgefühlen und ist auch traurig, wenn es vorbei ist."

Eines der größten Probleme sei es, überschätzt zu werden, sagt auch der Wiener Kommunikationsberater Yussi Pick. "Wenn das Gesicht von Sebastian Kurz nun im Boulevard neben dem Umfragewert 40 Prozent auftaucht und er auch noch als ›neuer Wolfgang Schüssel‹ bezeichnet wird, dann schafft das Erwartungen, die fast nicht erfüllt werden können." Kurz müsse vorlegen und Erster werden, alles andere sei eine Niederlage. Dafür hat er auch seinen eigenen Namen in den Ring geworfen, die Liste Kurz. "Er ist persönlich dafür verantwortlich, und wenn er nicht liefert, kann er schnell wieder abgesägt werden", sagt Pick.

In diesen Erregungsphasen die Kontrolle zu behalten ist schwierig. "Man kann darauf vorbereitet sein, auf der Welle mitschwimmen und diesen Rummel eine Zeit lang nutzen – oder aber davon überrumpelt werden", sagt Pick. Fast ähnlich schwer ist es, abgeflaute Euphorie wiederzubeleben. Christian Kern muss nun dieses Kunststück gelingen, denn von der Aufbruchstimmung der ersten Kanzler-Wochen ist viel verflogen. "Um einen alten Hype wieder aufleben zu lassen, braucht es eine Art von neuer Initialzündung. Personelle Neuerungen etwa können schon noch einmal einen Boost geben", sagt Yussi Pick.

Die Liste Kurz wird nun versuchen, die Euphorie so lange wie möglich am Schäumen zu halten, der Schwung soll bis zum Wahltag anhalten, über die Sauregurkenzeit im Sommer hinweg. Deshalb legt er nur scheibchenweise nach – personell und inhaltlich. Tritt der Kater früher ein, bleibt vielleicht nur die Erinnerung an einen weiteren Hype.