Bildungsforscher betonen, es gebe viele Gründe dafür, dass die bestausgebildeten Menschen in diesem Land vor allem aus einem kleinen Ausschnitt der Bevölkerung stammen. Und doch stechen mit Blick auf die akademische Ausbildung drei Hürden heraus.

Geld

Wohl nirgendwo auf der Welt studiert es sich so kostengünstig auf so hohem Niveau wie in Deutschland. Die Hochschulen erheben keine Studiengebühren, und mit dem Bafög gibt es sogar eine staatlich subventionierte Förderung für all jene, deren Eltern nur wenig Geld haben. Dazu kommen Studienkredite mit niedrigen Zinsen, Stipendien für die besonders Begabten oder Engagierten. Und die Hilfskraftjobs an den Unis sind seit Einführung des Mindestlohns besser bezahlt als jemals zuvor.

Und trotzdem: Die Finanzierung des Studiums bleibt für viele noch immer eine echte Hürde.

Eva-Maria Sorge hat es geschafft. Seit Kurzem hat die 22-Jährige aus Jena ihr Bachelorstudium Psychologie abgeschlossen, obwohl sie sich das nach dem Abi fast nicht zugetraut hätte und kurz davor war, eine Lehre als Hotelfachfrau anzufangen. "Da verdient man vom ersten Tag an Geld", sagt sie. Sorges Eltern haben beide nicht studiert, ihre Mutter arbeitet in einem Sanitätshaus als Fachverkäuferin, ihr Vater ist schon länger krankgeschrieben. "Geld war bei uns immer ein Thema", erzählt Sorge. "Aber auch im positiven Sinne: Mir wurde beigebracht, dass soziale Kontakte wichtiger sind."

Sozialwissenschaftler nennen es die "Neigung zu risikoaversen Entscheidungen", wenn eine gute Abiturientin sicherheitshalber einen Ausbildungsberuf anvisiert. Das sei typisch für Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern, erzählt Martin Neugebauer. Er forscht an der Freien Universität Berlin zur sozialen Ungleichheit an Hochschulen. "Diese Abiturienten haben ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken. Bei einer Ausbildung weiß man, was man hat, bei einem Studium nicht unbedingt. Geht es schief, fehlen die elterlichen Ressourcen."

Eva-Maria Sorge ging das Risiko ein und finanzierte ihr Studium mit Bafög, Kindergeld, einem kleinen Zuschuss ihrer Eltern und Nebenjobs: "Erst arbeitete ich als Kassiererin, dann wurde ich studentische Hilfskraft." Während des Bachelorstudiums lebte sie von rund 600 Euro monatlich; der deutsche Durchschnittsstudent hat laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks knapp 900 Euro zur Verfügung. Die Angst vor finanziellen Schwierigkeiten war für sie wie ein schwerer Rucksack, den sie durch ihre Vorlesungen und Prüfungen mitgeschleppt hat.

Sorge hat ihren sozialen Aufstieg auch fachlich zu ihrem Thema gemacht. Im Herbst beginnt sie einen Masterstudiengang in Bildungspsychologie, danach will sie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Sie will etwas beitragen, damit Menschen wie sie keine statistische Ausnahme bleiben. Doch die gesellschaftliche Unwucht arbeite gegen sie, sagt Martin Neugebauer: "Sozial höhergestellte Milieus setzen alles daran, den schon erreichten Status der Familie weiterzugeben und sich nach unten abzugrenzen." Seitdem das Auslandssemester weniger exklusiv geworden sei, ziehe es Studierende aus bessergestellten Familien zunehmend an besonders hochkarätige – und teure – Studienorte.

Das heißt: Je mehr Arbeiterkinder sich in die akademische Welt vorwagen, umso mehr setzen ihre bürgerlichen Kommilitonen daran, ihnen davonzulaufen.

Selbstvertrauen

Wenn man Nadine Heise nach ihrer Biografie fragt, erzählt sie von einer innerlichen Zerrissenheit. "Es ist, als ob ich zwei Sprachen spreche", sagt sie. Hier der distinguierte Ton in Gesprächen mit ihren Uni-Kollegen über Kolloquien, Symposien, Drittmittelanträge. Dort die Besuche bei Eltern und alten Freunden, denen diese Welt fremd ist. Ihr richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen, sie wolle nicht in die Kleine-Leute-Schublade gesteckt werden, sagt sie. Aufgewachsen ist Heise in einem Hamburger Arbeiterviertel, heute promoviert sie in Germanistik. Aufstiegsgeschichten wie ihre sind seit Jahrzehnten ein bildungspolitisches Ziel. Doch über die psychologischen Herausforderungen des Milieuwechsels wird selten gesprochen.