Seit Studienbeginn hadert Nadine Heise mit einem Fremdheitsgefühl auf dem Campus. "Mir fehlte eine breite Allgemeinbildung", sagt sie, das Niveau ihres Gymnasiums sei niedrig gewesen. Die Kommilitonen an der Uni wirkten eloquenter und kompetenter, sie war meistens still. Darüber, dass sie schon eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte und ihren Bachelor nur in Teilzeit machte, sprach sie wenig. Als Wissenschaftlerin eigenen Rechts begreift sie sich erst seit Kurzem, seit eine Professorin sie persönlich ermutigt hat. "Vorher erschien es mir einfach nicht realistisch, dass jemand wie ich in die Forschung geht", sagt Heise.

"Unbewusste Selbstselektivität" heißt das im Fachjargon. Wer als Nichtakademikerkind ein Studium beginnt, hat die härteste Selektionsstufe – die Schule – bereits überwunden: 95 Prozent der Akademikerkinder beginnen ein Studium, von den Abiturienten aus nichtakademischem Elternhaus sind es nicht mal halb so viele, wie der Hochschul-Bildungs-Report zeigt. "Unser Augenmerk lag bislang zu sehr auf dieser ersten Schwelle zum Hochschulzugang", sagt René Krempkow vom Stifterverband: "Wir dachten: Wer es einmal an die Uni geschafft hat, der kommt schon klar." Doch gefühlt am falschen Ort zu sein, die Ausnahme von der Regel – das lähmt die Studierenden aus nichtakademischen Elternhäusern langfristig. Selbst wenn sie hoch qualifiziert sind.

Förderung

Die Bildungsforschung forciert schon lange die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, seit den niederschmetternden Pisa-Ergebnissen im Jahr 2001 konzentrierte man sich dabei vor allem auf die Schule. Allerdings steht das Thema auch bei Hochschulen und Stiftungen schon viele Jahre auf der Agenda. Der gute Wille wird in Initiativen und Förderprogramme kanalisiert: Arbeiterkind-Sprechstunden, Mentoren-Programme, Stipendien. Aber es fruchtet nicht so recht. Es reiche nicht aus, soziale Gerechtigkeit in nischigen Diversity-Büros zu parken, meint auch der Stifterverband. Das Thema müsse so wichtig werden wie Forschung und Lehre – also im Kern der Hochschulen angesiedelt werden.

Ozan Solmus, 23, studiert Medizin und seit Neuestem zusätzlich Kulturanthropologie an der Universität Mainz, er ist Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung. Sein Bafög wird er nie zurückzahlen müssen, zusätzlich bekommt er 300 Euro durch das Deutschlandstipendium. Solmus wird oft als "Vorzeigestudent" gelabelt. "Ich bin wie Barack Obama. Ein Schwarzer mit weißem Lebenslauf", sagt er. Er kommt aus einem Mannheimer Arbeiterviertel, seine Eltern wurden in der Türkei geboren. Auch bei ihm hat die Schwelle zum Gymnasium alles entschieden. "Ozan bedeutet Künstler", erklärt er. "Meine Eltern mochten Musik. Deswegen haben sie dafür gesorgt, dass ich ins Orchester kam." Trompete mit Migrationshintergrund – ein Unikat. Und die Eintrittskarte in eine andere Welt. "Meine Klassenkameraden haben mich mitgezogen. Plötzlich habe ich von politischen Stiftungen erfahren, von Stipendien."

Ozan Solmus ist das eine Prozent. Wenn er demnächst seine Promotion in Neuroästhetik beginnt, wird er statistisch gesehen 99 Prozent derjenigen mit ähnlichem sozialen Hintergrund hinter sich gelassen haben. Ein irrsinniger Talentverlust: Denn gerade Kinder, die als Erste aus ihrer Familie studieren, machen überdurchschnittlich viel aus ihren neuen Erfahrungen an der Uni. So fand das Centrum für Hochschulentwicklung heraus, dass Studierende ohne akademischen Hintergrund stärker als Akademikerkinder von einem Auslandsaufenthalt profitieren: Sie betonen besonders, wie sehr ein Erasmus-Semester oder ein Auslandspraktikum ihre Persönlichkeit und ihre berufliche Entwicklung positiv beeinflusst habe.

Ozan Solmus hat anfangs mit der Begabtenförderung gehadert – bloß kein Migrantenbonus. "Aber mittlerweile finde ich, dass die eigene Familiengeschichte nicht unangenehm ist und man darüber sprechen sollte." Man könnte noch weiter gehen: Vorbilder wie Solmus sind wichtig, um das System zu verändern.

Was aber, wenn man als junger Student aus nichtakademischem Elternhaus keinen Ozan Solmus oder keine aufmerksame Professorin in seinem Umfeld hat? Wenn man von Stipendien erst spät erfährt – oder nie? Die Logik, dass Bildungsaufsteiger sich ihre Hilfe selbst suchen, müsse sich umkehren, sagt Julia Klier von McKinsey: "Auch Hochschulleitungen und Professoren sollten für diese Problematik sensibilisiert werden."

Schon seit der Bildungsexpansion der siebziger Jahre versucht man hierzulande, das System durchlässiger zu machen. Aber bis heute fehlt es an den Hochschulen an einer kritischen Masse, die dem Thema eine große Bühne gibt.

Vielleicht ist das das eigentliche Problem: dass diejenigen, denen der Zufall der Geburt den roten Bildungsteppich ausgerollt hat, nicht den Schulterschluss mit denen suchen, deren Bildungsweg mit lauter Hürden verstellt ist.