Pro: Der Klang des Vergangenen soll erhalten bleiben

Die Stiftung Zukunft Berlin hat die Forderung aufgestellt, die Kuppel des rekonstruierten Stadtschlosses dürfe nicht, wie es dem historischen Vorbild entspräche, durch ein Kreuz gekrönt werden. Begründung: Das barocke Schloss werde die außereuropäischen Sammlungen des Humboldt Forums beherbergen, mithin einen Begriff der Weltkultur entwickeln, der sich kritisch mit den Phänomenen des Kolonialismus und des Eurozentrismus auseinandersetze. Dies könne nur gelingen, wenn der Dialog der Kulturen "auf Augenhöhe und ohne Hierarchisierung" stattfinde. "Unterm Kreuz?", fragt die Stiftung Zukunft Berlin: "Das klingt nach 19. Jahrhundert und nach christlicher Leitkultur."

Ja, in der Tat: Alte Gebäude ebenso wie rekonstruierte alte Gebäude "klingen" nach der Epoche, aus der sie stammen. Ein kühner Geist könnte sogar behaupten: Das ist der Grund ihrer Rekonstruktion – man möchte die Spuren der Vergangenheit nicht löschen, sondern ihren Klang bewahren! Doch das scheint in dem Maß schwieriger zu werden, in dem es die Gegenwart nicht mehr erträgt, dass ihre Werte nicht schon immer gegolten haben. Anachronismen werden als unerträglich empfunden, alles ist der Weisheit unserer jüngsten Einsichten zu unterwerfen, und weil die Vergangenheit die meisten unserer allerneuesten Wertvorstellungen nicht geteilt hat, konfrontiert sie uns mit einem Fühlen und Denken, das nicht identisch ist mit dem der 21. Kalenderwoche im Jahr 2017.

Das Kreuz auf dem Stadtschloss muss weg? Das erinnert an die deutschen Bischöfe, die auf dem Jerusalemer Tempelberg ihre Kreuze abnahmen. Es könnte ja mit seiner 2000-jährigen, oft blutigen Geschichte ein Ärgernis sein.

Was ist das traurige Elend an dieser Haltung? Nicht das Bewusstsein für die fragwürdigen Seiten aller kulturellen Zeichen und Symbole – daran ist immer zu arbeiten. Sondern dass man Asynchronizitäten nicht mehr erträgt – und zwar in dem selbstgefälligen Bewusstsein, man besitze der Weisheit letzten Schluss. Dabei muss man kein Relativist sein, um aus Erfahrung zu wissen, dass die Moral von heute schon morgen nur noch die von gestern ist. Müssen wir dann das Humboldt Forum abschaffen, weil es so sehr nach frühem 21. Jahrhundert klingt?

Natürlich wollen alle immer nur alles richtig machen, aber vielleicht liegt darin die größte Aufgeblasenheit. Es gehe um Augenhöhe, schreibt die Stiftung Zukunft Berlin. Eine Augenhöhe aber offenbar, die nicht in der Sache gegeben ist, sondern hergestellt werden muss, indem die eine Seite dank ihrer überlegenen Einsicht in die Asymmetrien der Kulturen ihre eigene Geschichte und kulturelle Herkunft verleugnet. Das Kreuz abnehmen – das ist so, als wenn man Kinder beim Brettspiel gewinnen lässt. Man nimmt das Spiel nicht ernst, man nimmt das Kind nicht ernst, und man ist in Wahrheit von der eigenen intellektuellen Überlegenheit so sehr überzeugt, dass man paternalistisch darüber entscheidet, wie viel Wirklichkeit man dem kindlichen Gemüt zumuten möchte. Die Erfahrung lehrt: Intelligente Kinder verlieren rasch jeden Spaß an solcherart simulierten Spielen.

von Ijoma Mangold

Contra: Kreuze haben auf Wunderkammern nichts verloren

Es ist ein Kreuz mit dem Humboldt Forum. Nach der Wiedervereinigung, in den national überhitzten Neunzigern, galt das Berliner Schloss als Triumph künftiger deutscher Selbstversöhnung. Angeblich war "die Geschichte" wieder ins alte Gleis gesprungen, und darum sollte Deutschland, fünfzig Jahre nach dem Judenmord, endlich wieder normal sein, sagen wir: so wie Frankreich.

Nun liegt das Konzept vor, der Schloss-Koloss, zuweilen auch Fake-House genannt, ist bald fertig, auf der Kuppel fehlt nur das Kreuz. Sollte man darauf verzichten? Man sollte, allerdings aus einem anderen Grund als dem, den die Stiftung Zukunft Berlin in rührender Treuherzigkeit vorträgt: Ein Kreuz stört bloß das kosmische Konzept, es ist schlicht unpassend und bestenfalls eine postmoderne Dekoration. Tatsächlich verfolgt das Konzept, das erkennbar die Handschrift des Kunsthistorikers Horst Bredekamp trägt, eine kosmische Mission. Bredekamp, den die SZ zum "Chefideologen" des Unternehmens ernannt hat, möchte uns Zivilisations-Insassen nämlich die Arroganz austreiben, er möchte zeigen, wie tief jede Kultur in der Natur verwurzelt ist. Deshalb "stellt das Humboldt Forum die Grundfragen des Menschen im Kosmos", oder wie die Werbung reimt: "Willst du die Welt verstehen, musst du ins Humboldt Forum gehen".

Was das mit dem Kreuz zu tun hat? Erst einmal gar nichts. Bredekamp, einer der drei Intendanten des Forums, hat völlig recht: Man kann die Menschentiere nicht oft genug an ihre natürlichen Grundlagen erinnern. Und doch funktioniert seine kosmische Aufklärung nur dann, wenn man, wie offensichtlich geplant, das Schloss in eine barocke Wunderkammer verwandelt, in der sich der Mensch, der kleine Erdenwurm, mit den Augen der Evolution betrachtet. So eine Wunderkammer ist bestimmt grandios anzuschauen – und hat doch einen Nachteil: Sie ist frivol. Sie erklärt die Weltgeschichte zum Naturtheater, zu einer Nummernrevue aus Metamorphosen und Emergenzen. Hier eine koloniale Schandtat und dort eine ausgestopfte Giraffe, hier ein Totempfahl, dort Walrosszähne und exotische Nasspräparate. Macht und Ohnmacht, Krieg und Frieden kommen und gehen wie Sommer und Winter. Sanft schaukelt der Südsee-Einbaum in der Lethe des Vergessens. Und über der Kuppel das erlösende All.

Für den Fall, dass es wirklich so weit kommt und man das Schloss in eine mythische Wunderkammer umwidmet, sollten sich die Berliner Kosmiker ein Herz fassen und den Gedanken an ein Kuppelkreuz pietätvoll vergessen. Bei der, Pardon, Biologisierung der Weltgeschichte hat ein religiöses Zeichen nichts verloren, schließlich waren die monotheistischen Religionen ursprünglich Protestbewegungen: Sie lehnten die heidnische Anbetung des Natürlichen ab, sie hatten genug von kosmischen Kulten, blutrünstigen Göttern und falschem Zauber. Exodus statt Unterwerfung. Geist statt Sakralisierung der Natur.

Gibt es Alternativen zum Kuppelkreuz? Es gibt sie. Ein kosmischer Berliner Gummibär zum Beispiel, finanziert mit Sponsorengeldern von Haribo. Im kreuzbraven Säkularismus der Hauptstadt merkt den Unterschied kein Mensch.

von Thomas Assheuer