Wer gehört eigentlich zur Mittelschicht?

Das ist eine Frage der Definition. Gehört ein promovierter Literaturwissenschaftler zur Mittelschicht, der als Freiberufler tätig ist und finanziell gerade so über die Runden kommt? Oder ein erfolgreicher Versicherungsvertreter mit Hauptschulabschluss, der sich jedes Jahr ein neues Auto leisten kann?

In der Ökonomie hält man sich mit solchen Feinheiten nicht lange auf. Bildung, Status, Wohnort – all das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur das Einkommen. Nach amtlicher Festlegung der Bundesregierung zählt zur Mittelschicht, wer weder arm noch reich ist. Die Armutsschwelle liegt bei 60, die Reichtumsschwelle bei 200 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens. Das entspricht einem Nettoeinkommen von 1.056 Euro beziehungsweise 3.520 Euro. Wer mehr verdient, zählt schon zu den obersten zehn Prozent der Gesellschaft.

Das gilt allerdings nur für Singlehaushalte. Ein Paar hat höhere Ausgaben als ein Alleinstehender und muss deshalb zusammengerechnet mehr Geld verdienen, um sich den gleichen Lebensstandard leisten zu können. Wenn Kinder hinzukommen, wird das Leben noch teurer. Dadurch verschieben sich die Einkommensgrenzen. Insgesamt umfasst die Mittelschicht in Deutschland aktuell nach dieser Methodik 76 Prozent der Bevölkerung, im Jahr 1995 waren es 82 Prozent. Der Anteil der Mittelschichtshaushalte an der Gesamtbevölkerung ist also vergleichsweise stabil.

International ist aber auch noch eine andere Definition gebräuchlich. Demnach umfasst die Mittelschicht alle Haushalte, die wenigstens 80 und höchstens 150 Prozent des mittleren Einkommens verdienen. Der Mittelschicht im engeren Sinn gehört Daten des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge an, wer als Single netto zwischen 1.410 und 2.640 Euro im Monat nach Hause trägt. Für eine Familie mit zwei Kindern liegt die untere Einkommensgrenze hingegen bei 2.950 Euro und die obere bei 5.540 Euro. Nach dieser Abgrenzung zählt immer noch knapp die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland zur Mittelschicht.

Wie viel Steuern bezahlt sie?

Die Mittelschicht zahlt weniger Steuern, als es die Aufregung um das Thema nahelegt. Ein Vollzeitbeschäftigter verdient im Durchschnitt 48.936 Euro brutto im Jahr. Weil schon ab 54.058 Euro der Spitzensteuersatz von 42 Prozent greift, entsteht in der öffentlichen Debatte oft der Eindruck, schon Durchschnittsverdiener müssten fast die Hälfte ihres Einkommens an das Finanzamt überweisen. Maßgeblich für die Berechnung der Einkommensteuer ist aber nicht das Einkommen, sondern das zu versteuernde Einkommen – und das liegt in der Regel einige Tausend Euro darunter, weil bei der Steuererklärung zum Beispiel Aufwendungen für die Altersvorsorge abgezogen werden können. Um auf ein zu versteuerndes Einkommen von 54.058 Euro zu kommen, muss ein Single nach Schätzungen des IW schon 65.000 Euro im Jahr verdienen.

Hinzu kommt: Auch wenn der Spitzensteuersatz greift, wird er nicht auf das gesamte Einkommen fällig. In Deutschland steigt zwar die Steuerbelastung mit dem Einkommen, jeder Steuersatz ist aber immer nur auf jenen Teil des Verdienstes zu entrichten, der über der entsprechenden Einkommensschwelle liegt. Das klingt komplizierter, als es ist. Ein Beispiel: Bei einem zu versteuernden Einkommen von 60.000 Euro werden nicht die vollen 60.000 Euro, sondern nur 5.942 Euro – 60.000 minus 54.058 – mit dem Spitzensteuersatz von 42 Prozent versteuert. Aus diesem Grund liegt die durchschnittliche Steuerbelastung deutlich unter dem höchsten angewendeten Steuersatz, dem sogenannten Grenzsteuersatz. Eine Familie mit zwei Kindern und einem Monatseinkommen von 4.380 Euro bezahlt beispielsweise nur 406 Euro Einkommensteuer im Monat. Das sind weniger als 10 Prozent des Einkommens. Und 2,7 Millionen Arbeitnehmer werden vom Finanzamt überhaupt nicht belangt, weil sie zu wenig verdienen.

Umso stärker fallen allerdings die Sozialabgaben ins Gewicht – also Beiträge zu Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung und Rentenversicherung. Die Beispielfamilie muss dafür 898 Euro im Monat ausgeben, fast doppelt so viel wie für die Einkommensteuer. Für Mehrwertsteuer und Versicherungssteuer fallen noch einmal 350 Euro an. Die Mittelschicht leidet also – wenn sie überhaupt leidet – nicht unter einer hohen Einkommensteuerlast, sondern unter einer hohen Belastung mit Sozialabgaben und indirekten Steuern.