DIE ZEIT: Herr Minister, wann waren Sie zuletzt privat in einer Kirche?

Thomas de Maizière: Vor zwei Wochen, in der Frauenkirche. Ich lebe ja in Dresden und gehe sehr gern dort hin, weil diese Kirche ein wunderbarer Ort ist, aber auch, weil der Gottesdienst erst um elf Uhr beginnt. Schön für Menschen, die mal ausschlafen wollen.

ZEIT: Wie oft hat ein Bundesinnenminister am Sonntag wirklich frei und kann, wie man so sagt: den lieben Gott einen guten Mann sein lassen?

de Maizière: Es ist nicht immer einfach, aber es ist wichtig, sich Zeit für Momente der Ruhe zu nehmen. Das gilt für jeden, nicht nur für Minister.

ZEIT: Sie sind bekennender Protestant. Wann haben Sie sich zuletzt über ihre Kirche geärgert?

de Maizière: (überlegt lange) Ärgern ist das falsche Wort. Mich stört erstens, dass die Kirchen das Thema Islam zu sehr dem Staat überlassen und selber in der Debatte kaum aktiv sind. Zweitens stört mich der kirchliche Umgang mit der harten Seite des Asylrechts, also mit Rückführung und Abschiebung. Beim Asyl machen es sich die Kirchen zu leicht. Neuerdings sagen sie zwar: Jaja, das muss auch mal sein. Aber insgesamt würde ich mir hier eine differenziertere Debatte wünschen.

ZEIT: Sie spielen auf den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche an, der zwar das Kirchenasyl verteidigt, aber von Pfarrern und Flüchtlingen auch die Asylgesetze anerkannt wissen will.

de Maizière: Heinrich Bedford-Strohm schlägt tatsächlich einen neuen Ton an, den ich begrüße: Es kann nicht nur eine Willkommenskultur geben, sondern in einem Rechtsstaat muss es auch Akzeptanz für eine Abschiebekultur geben. Ich vermisse bei einigen Kirchenvertretern die volle Akzeptanz des Asylverfahrens. Es hat im Rechtsstaat nur zwei mögliche Ergebnisse: Schutzbedarf oder kein Schutzbedarf. Wenn selbst die Härtefallkommission eine Abschiebung nicht ablehnt, dann ist deren Umsetzung genauso wichtig wie die Integration Schutzbedürftiger.

ZEIT: Sie haben das Kirchenasyl mit der Scharia verglichen. Ihre Partei, die CDU, war hell empört. Stehen Sie noch zu dem Vergleich?

de Maizière: Ich stehe vor allem zu unserer Vereinbarung zum Kirchenasyl. Wenn eine Abschiebung erfolgt, dann ist das nichts anders als der Vollzug geltenden Rechts – und keine Bosheit des Staates. Wer das behauptet, macht es nicht nur Politikern schwer, nicht nur Richtern und Polizisten, er stellt das ganze System infrage.

ZEIT: Deutschlands oberster Katholik, Kardinal Reinhard Marx, hat Ihnen vorgehalten, dass die meisten Asylbewerber, die nach ihrer gerichtlich beschlossenen Abschiebung ins Kirchenasyl flüchten, nachher doch noch anerkannt werden.

de Maizière: Ich vermisse bei vielen Kirchenvertretern die Einsicht, dass beides dazugehört: Bleibendürfen und Gehenmüssen. Im Kopf ist ihnen klar, dass nicht jeder Flüchtling bleiben kann, aber mit dem Herzen nicht. Und wenn das Bleibendürfen nur dadurch eintritt, dass im Kirchenasyl europarechtliche Fristen verstreichen und damit Deutschland für ein Verfahren zuständig wird, hat das mit Gerechtigkeit auch wenig zu tun.

ZEIT: Für Christen gilt das Gebot der Nächstenliebe. Sie selber haben 2015 gesagt, in Sachen Barmherzigkeit schlügen zwei Herzen in ihrer Brust. Heißt das, Ihre christlichen Moralvorstellungen kollidieren manchmal mit Ihrer Politik?

de Maizière: Ja. Ich habe ja durch zahlreiche Besuche bei Flüchtlingsinitiativen, in Integrationskursen und Erstaufnahmeeinrichtungen Kontakt zu einzelnen Flüchtlingen oder Flüchtlingsfamilien. Da sind oft schwere individuelle Schicksale, die mich als Christ berühren. Aber als Innenminister kann für mich nur das Gesetz gelten.

ZEIT: Sie sind Teil der Kirchen, die Sie kritisieren. Warum scheuen sie denn nun die Islamdebatte: aus Sorge, Islamophobie zu schüren, oder aus Feigheit, schwierige Themen aufzugreifen?

de Maizière: Hier gibt es sicher viele Gründe. Interreligiöse Gespräche sind schwierig, weil der Islam keine vergleichbare Kirchenstruktur kennt und die muslimischen Verbände heterogen sind. Aber ich wünsche mir mehr kirchliche Wortmeldungen zu strittigen Fragen: was Christentum und Islam verbindet, wie ein aufgeklärter europäischer Islam aussehen soll und wo die Religionsfreiheit endet – auch die der Muslime. Beim Kirchentag werde ich ein Podium mit dem Großscheich der Kairoer Al-Azhar-Universität Ahmed al-Tajjib bestreiten. Ich freue mich darauf. Aber wieso macht das eigentlich kein Theologe?

ZEIT: Der Scheich ist eine zwiespältige Figur. Einerseits stärkt seine Universität den konservativen theologischen Mainstream. Andererseits predigt er gegen den bewaffneten Dschihad, verurteilt Mordanschläge auf Christen und hat sich mit dem Papst getroffen. Warum sprechen Sie mit al-Tajjib?

de Maizière: Weil ich es großartig finde, dass er kommt und sich der Diskussion stellt. Der Dialog ist doch ein Gewinn an sich. Streitbare Gäste wie er sind ein Gewinn für den Kirchentag.

ZEIT: Sie selber sind seit vielen Jahren auf Kirchentagen präsent. In Dresden stritten Sie als Verteidigungsminister mit dem damaligen Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider über gerechtfertigten Krieg. In Berlin haben Sie sogar sieben Auftritte beim Kirchentag. Wollen Sie durch Ihre Präsenz zeigen, dass das Treffen terrorsicher ist?

de Maizière: Nein. Ich habe auf Anfragen einfach zu wenig Nein gesagt (lacht). Mir machen die Debatten Spaß, da ist der Kirchentag schon besonders. Bei der Sicherheit wird man merken, dass es mehr Warteschlangen und Taschenkontrollen gibt. Aber ich hoffe sehr, dass die Besucher dafür großes Verständnis haben.