Ein Konferenzraum am Hamburger Flughafen. Wir haben uns mit vier Vielreisenden verabredet – Menschen, die ständig unterwegs sind, selten zu Hause, die Zehntausende Meilen pro Jahr verfliegen, sei es aus Lust oder aus beruflichen Gründen. Wir wollen wissen: Macht das immer Spaß, macht das irgendwann süchtig, macht das am Ende vielleicht weise – und wird die Welt durchs viele Reisen nun kleiner oder größer? Sascha Grabow trudelt als Erster ein, das ist schon mal gut. Der Extremreisende ist jedes Jahr elf Monate auf Reisen und hat inzwischen alle Länder der Welt besucht. Bald nach diesem Gespräch wird er wieder aufbrechen, nach Russland diesmal. Der Unternehmensberater Ralf Eberenz kommt im Unternehmensberateranzug, Amelie Deuflhard, die Leiterin des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel, ist gerade zurück aus Athen, wo sie die Documenta besucht hat. Der Flieger der Reise-Bloggerin Nadine Pungs hat Verspätung. Aber wir fangen trotzdem schon mal an. Die Terminal-Hektik vor dem Panoramafenster bildet das passende Hintergrundrauschen.

DIE ZEIT: Was mussten wir mailen, facebooken und whatsappen, um diesen gemeinsamen Termin zu finden! Deshalb gleich mal direkt gefragt: Warum reisen Sie eigentlich so viel?

Sascha Grabow: Bei mir hat es vor allem mit der Angst vor der Routine zu tun. Mit 38 Jahren war ich mal für längere Zeit Tennislehrer, also für drei Monate. Ein guter Job, alles recht komfortabel und am Abend ein Bierchen. Aber ich habe mich bald gefragt: Willst du diesen Trott – oder solltest du dem schnell einen Riegel vorschieben? Wenn ich jeden Tag den gleichen Weg runterlaufe, dann sehe ich den Baum am Rand gar nicht mehr. Nehme ich immer eine neue Straße, bin ich viel sensibler für die Eindrücke. Ich lebe ein intensiveres Leben. Das ist mir wichtiger als alles andere.

Ralf Eberenz: Für mich als Unternehmensberater gehört das Reisen schlicht zum Geschäft. Die Kunden sitzen selten in der Stadt, in der unsere Firma ist. Deshalb bin ich fünf Tage pro Woche unterwegs: frühmorgens aufstehen, ins Taxi steigen, im Flugzeug schlafen, im Zug arbeiten, beim Kunden sein, dann ins Hotel. Das ist selbst eine Art Trott. Ich würde jetzt nicht sagen: Mensch, immer neue Städte, macht tierisch viel Spaß ...

ZEIT: Frau Deuflhard, Sie leiten die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Ihre Vielreiserei stellen wir uns als eine Kombination der beiden Modelle vor: intensive Erfahrungen, aber im Dienste des Jobs.

Amelie Deuflhard: Das stimmt in etwa. Bei mir geht es viel ums Erforschen und Entdecken: Gibt es zum Beispiel spannende Tanz- oder Theaterprojekte in Burkina Faso, die wir nach Hamburg einladen könnten? Durch die Begegnung mit der Kunst erfahre ich viel über die jeweilige Gesellschaft. Und die Künstler bieten sich oft als Guides an, manchmal für mehrere Tage. Das erweitert den Horizont enorm. Ich merke dabei, wie verdammt eurozentrisch der eigene Blick und auch die eigene Ausbildung immer noch sind.

ZEIT: Haben Sie alle früh im Leben gewusst, dass Sie viel reisen wollten?

Eberenz: Ich war als Jugendlicher oft in Zeltlagern, in Dänemark, Schweden, Frankreich. Da habe ich gemerkt, dass Reisen für starke Erinnerungen sorgen. Die restliche Schulzeit verblasst dagegen.

Grabow: Genau. Die Schulmonate waren mehr oder weniger nichtssagend. Spannend waren die Sommer- und die Winterferien, in denen es zum Skilaufen oder nach Kroatien ging. Die warmen Klimazonen gefielen mir immer besser. Ich habe gemerkt: Je kälter eine Region ist, desto teurer ist das Leben dort, und desto härter müssen die Leute arbeiten für ein Minimum an Komfort. Im Süden ist das alles lockerer. Da kann man auch einfach mal die Frucht vom Baum pflücken, kann draußen schlafen und leichter ins Blaue hinein leben. Dadurch gewinnt man eine Menge Freiheit.

ZEIT: Als Durchschnittsurlauber, der nur wenige Wochen im Jahr freihat, bereitet man jede Reise in der Regel gut vor. Wie sieht das dagegen bei Ihnen aus?

Grabow: Ich habe einen groben Dreimonatsplan über anstehende Reisen. Aber unterwegs kann viel passieren, da muss man offen sein. Als ich auf Tuvalu war, einem Atoll im Pazifik, das so breit ist wie der Raum hier und ein paar Kilometer lang, da habe ich wochenlang gewartet, ob ein Schiff kommt, das mich mitnimmt zur nächsten Station meiner Inselreise. Dann kam ein Schiff, wollte mich aber nicht mitnehmen. Also habe ich weitergewartet.

Deuflhard: So entspannt möchte ich auch mal reisen. Aber ich leite ein großes Haus, habe Familie. Die meisten Trips sind kurz – zu Hause warten viele Verpflichtungen. Was natürlich dazu führt, dass ich oft von einem Sabbatical träume. In dem könnte ich dann vielleicht reisen wie unser Weltenbummler hier.

Eberenz: Das habe ich mir gerade mit meiner Frau gegönnt: ein halbes Jahr Weltreise, offline. Im Arbeitsalltag weiß ich meist eine Woche im Voraus, wo es hingeht, es kann aber auch heißen: Morgen fliegst du jetzt da und da hin. Zu Hause stehen immer eine Tasche und ein Koffer bereit. Bei ein bis zwei Nächten passt alles in die Tasche. Bei bis zu einer Woche habe ich den Rollkoffer, der gerade noch als Handgepäck durchgeht. Da reize ich die Obergrenze der Airlines auf den Zentimeter aus. Ganz wichtig: Nie Gepäck aufgeben, das bringt einen nur in Schwierigkeiten.

Die Tür öffnet sich, die Reise-Bloggerin Nadine Pungs kommt herein. Sie sieht gestresst aus.

Nadine Pungs: Tut mir leid, alles ist schiefgegangen. Erst war der Flieger zu spät, dann hat eine Passagierin gefehlt, also wurde ihr Gepäck ausgeladen. Dann kam sie doch noch, saß aber im Rollstuhl und musste in den Sitz gehievt werden. Sorry!

ZEIT: Kein Problem. Gut, dass Sie da sind. Nun, da die Runde komplett ist, werfen wir mal eine These in den Raum: Vielreisende wie Sie sind total anspruchsvoll, weil sie schon alles gesehen haben und permanent vergleichen.

Eberenz: Kann ich nicht bestätigen. Ich bin sehr genügsam. Die Hotels sind ohnehin von der Firma vorsortiert. Sauber, ordentlich, funktional – das ist wichtig. Das Hotel ist nicht zum Genießen da.

Deuflhard: Für mich schon. Ich reise zwar auch meist beruflich, will die Stationen aber auch genießen. Und das Hotel spielt da durchaus eine Rolle. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein ganz wunderbares in Gwangju in Korea ...

Grabow: Guangzhou liegt in China.

Deuflhard: Es gibt auch ein Gwangju in Korea. Das in China kenne ich auch.

Grabow: Okay.

Deuflhard: Also, das Hotel sah jedenfalls richtig koreanisch aus, hatte einen traditionellen Innenhof, viel Atmosphäre, herrlich. Und es hat halb so viel gekostet wie das "internationale" Hotel um die Ecke.