DIE ZEIT: Herr Erlbruch, mit welcher Heldin, welchem Helden aus Astrid Lindgrens Büchern hätten Sie als Kind gern Freundschaft geschlossen?

Wolf Erlbruch: Von den Kindern? Mit keinem. Die haben mir nicht besonders gefallen.

ZEIT: Nicht mal Pippi Langstrumpf?

Erlbruch: Pippi schon gar nicht. Viel zu laut. Eher Michel aus Lönneberga. Doch am meisten mochte ich die Erwachsenen in Lindgrens Büchern. Die strenge Bürgermeistersfrau, der Michel einen Kuss gibt – und plötzlich lacht sie. Großartig! Als Wuppertaler Kind kannte man ja solche verhärmten Protestantengestalten. Vor allem liebe ich bis heute Michels polternden, so wunderbar weichherzigen Vater. Der ist ganz, wie meiner war.

ZEIT: War Ihr Vater auch Künstler?

Erlbruch: Vielleicht. Auf seine Weise. Er war Textiltechniker. Der Name Wuppertal, also Elberfeld und Barmen, das war ja mal gleichbedeutend mit der Textilindustrie. Ich seh noch all die Spitze, die meine Tanten und Cousinen von ihm geschenkt bekamen. Er hatte viel Sinn für Stoffe, für Gewebe. Sinn für Genauigkeit und dazu ein gutes Auge.

ZEIT: Ein Erbteil? Wenn man an Ihre Liebe zu alten Papiersorten denkt ...

Erlbruch: Es war Industrie! Unfassbar, der Lärm in den Werkssälen und -hallen, wo die großen Maschinen standen. Ein Höllenlärm! Bei aller Liebe zum Stoff, ich betrachte das ohne Sentimentalität und künstlerische Verklärung.

ZEIT: Sie wurden 1948 in Wuppertal geboren und haben dieser Stadt bis heute die Treue gehalten. Was hat Wuppertal, das andere Städte nicht haben?

Erlbruch: Sie werden sich wundern, aber es ist eine gewisse Morbidität. Eine Morbidität, die ich mag. Natürlich anders als Wien. Nüchterner, bitterer. Der Untergang der Industrie prägt das Leben hier immer noch. Davon abgesehen war in meinen Jugendtagen, in den Sechzigern, viel Kunst in der Stadt. Aufregende Galerien. Ich erinnere mich an Nam June Paik, wie er hier in der Kneipe saß. Da war die Avantgarde versammelt, und für den 16-Jährigen, der ich damals war, gab’s ganz schön was auf die Augen. Außerdem: Wuppertal bleibt meine Kindheitsstadt.

ZEIT: Welches Kind haben Sie vor Augen, wenn Sie an einem Buch arbeiten?

Erlbruch: Das sind vor allem die Kinder, die ich als Kind kannte. Interessante Charaktere, die der Nachkrieg hervorgebracht hatte. Kleine Zweifler und Schwarzhändler und Sternkucker. Die sind mir auch heute noch in vielen Nuancen präsent und meine liebsten inneren Kinder.

ZEIT: Und das Kind in Ihnen selbst?

Erlbruch: Auch das.

ZEIT: Waren Sie ein liebes Kind oder ein freches? Ein Frager oder ein Beobachter?

Erlbruch: Sagen wir, ich war ein frech beobachtendes Kind. Ich habe mich immer hingestellt und geglotzt wie ein Schaf. Dreist. Bis man mich wegjagte. Vom zweiten Lebensjahr an, als ich gerade den Griffel halten konnte, habe ich alles, was mir gefiel, sofort gezeichnet und lauthals kommentiert.

ZEIT: Hatten Sie ein liebstes Thema?

Erlbruch: Da gab es einiges. Tiere natürlich. Fantastisches: zwei Störche auf einem Fahrrad. Oder kleine komische Szenen: Wie mein Vater im Wuppertaler Zoo ein Lama fotografiert, und plötzlich spuckt das Tier ihn an. Das waren so die Sachen, die ich mit Bleistift aufs Obsttütenpapier gekritzelt habe.