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Machen Politiker eigentlich Geschichte? Oder passiert sie ihnen?

Kaum je hat der Satz einer deutschen Politikerin eine derartige Wirkung bei der sonst recht selbstbezogenen amerikanischen Öffentlichkeit erzeugt. Dabei kann man nicht einmal sagen, dass es sich um eine besonders schmissige Formulierung handelte, die Angela Merkel am Sonntag im Bierzelt von Trudering wählte. "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt." Manches daran lässt sich noch nicht einmal ins Englische übersetzen, zum Beispiel "ein Stück"; diese Schrumpfform der typisch deutschen Stuhlkreisformulierung "ein Stück weit" dient üblicherweise als verbale Kuscheldecke für Sätze, die sonst zu hart rüberkommen könnten.

Doch half die milde Darreichungsform nichts, sogleich sprengte der Inhalt die Verpackung. Viele werteten Merkels Statement als Abschied von einer sieben Jahrzehnte währenden transatlantischen Allianz, andere boten aufwendige Interpretationen auf, um genau diesen Eindruck zu zerstreuen. Doch schillert auch der Satz selbst in allen Farben. Da hilft nur: nachfragen. Aus vier Quellen, zwei christdemokratischen, einer grünen und einer roten, die über gute bis exzellente Zugänge zur Kanzlerin verfügen, speist sich die folgende Annäherung an die tagesaktuelle Genese wie auch an die, nun ja, historische Bedeutung ihres Satzes.

Warum in einem Bierzelt?

Manch einer, der um die transatlantische Freundschaft bangt, glaubt, die Kanzlerin habe nach den Mühen einer aufreibenden Gipfelwoche in einem überhitzten Zelt vielleicht einfach nur unbedacht dahergeredet. Tatsächlich hat sie es wohl nicht wegen, sondern trotz des Bierzeltes gesagt. Ihr Wahlkampfauftritt dort war der erste Termin, der zur Hand war, darum entschloss sie sich am Sonntagmorgen, etwas zu sagen. Etwas Deutliches.

Warum zu diesem Zeitpunkt?

Warten hätte sie nicht länger können, denn die unglaubliche Reise des US-Präsidenten schrie förmlich nach einer offiziellen Deutung, nach einer Verständigung über die Frage: Ist der verrückt, oder sind es die Europäer? Sieht die Kanzlerin, was die Bürger sehen, oder lebt sie in einer fremden Welt der Diplomatie? Merkel geizte bis dato mit Bemerkungen zu Trump, nach seiner Wahl erinnerte sie ihn an die westlichen Werte, sonst hielt sie sich zurück. Nun aber musste aus ihrer Sicht Klartext geredet werden. Andernfalls wäre ihr die SPD zuvorgekommen, Martin Schulz und Sigmar Gabriel hatten durchaus vor, die Ablehnung vieler Deutscher gegenüber Trump laut zu artikulieren und die Kanzlerin in die Defensive zu bringen. Seit ihrem Kein-verlässlicher-Partner-Satz können sich die Sozialdemokraten allenfalls dann noch von ihr absetzen, wenn sie es mit der Kritik übertreiben. Sie sind schon dabei.

War es nur Wahlkampf?

Manch einen erinnert Merkels Bierzelt-Rede an die Absage des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder an den Irakkrieg, den die USA Anfang 2003 planten. Schröder rief der Regierung George W. Bush auf dem Marktplatz von Goslar sein Nein entgegen, wenig später hat die SPD damit die niedersächsische Landtagswahl gewonnen. Statt Marktplatz nun also das Bierzelt? Der Vergleich trifft nicht ganz. Zum einen fühlt sich die Kanzlerin zu diesem frühen Zeitpunkt des Wahlkampfes noch nicht wirklich unter Druck, sie selbst verspürt ohnedies eine nie gekannte Handlungsfreiheit, weil sie gut und gerne gewinnen kann, aber persönlich nicht mehr muss; zum anderen geht ihre Bemerkung weit über die ihres Vorgängers hinaus. Er verweigerte den USA die Gefolgschaft in einem Punkt; sie verweigert Gefolgschaft als solche.

Hatte Merkel einfach die Nase voll von Trump?

Die Kanzlerin neigt nicht zu emotionalen Ausbrüchen; sollte sie die Nase voll gehabt haben vom absurden Benehmen des Präsidenten, so bedeutete das noch lange nicht, dass sie auch etwas dazu sagt.

Trumps bis ins Physische gehende Rüpelhaftigkeit insbesondere beim Nato-Gipfel empfand sie zwar als abstoßend. Dass er nicht einmal am Mahnmal für den 11. September verbindliche Worte fand und stattdessen nur pöbelte, kam ihr unwürdig vor; dennoch hat sich Angela Merkel ihr Bild von Donald Trump schon sehr früh gemacht. Sie erwartete nichts anderes von ihm, findet ihn absolut berechenbar. Die Analyse seiner Persönlichkeit lautet wie folgt: Dieser Mann ist kein Politiker. Denn Politik in einer multipolaren Welt bedeutet Interessenausgleich, Kompromissfindung, für alle gesichtswahrende Lösungen. Dazu ist Trump außerstande, weil er sich nur stark fühlt, wenn alle anderen verlieren. Gemeinsame Politik ist da so gut wie unmöglich. Alle Versuche, über die rationaleren Personen in der Umgebung des Präsidenten an dieser Anti-Politik etwas zu ändern, sind weitgehend aussichtslos. Es gilt die Regel: Je vernünftiger, desto einflussloser. Auch Trumps relativ zugängliche und lernwillige Tochter Ivanka fungiert letztlich nicht als Korrektiv ihres Vaters, sondern als seine Komplizin.

Meinte sie nur Trump oder die USA insgesamt?

Viele halten Donald Trump für eine Abirrung von einer an sich vernünftigen amerikanischen Außenpolitik und unterstellen auch der Kanzlerin, sie wolle möglichst bald zur "Normalität" zurückkehren. Tatsächlich geht die Kanzlerin offenbar nicht davon aus, dass Donald Trump in absehbarer Zeit zurücktreten oder durch ein Impeachment-Verfahren gestürzt werden könnte. Auch schätzt sie Vize-Präsident Mike Pence als keine verlässliche Größe ein. Der Mann sei Kreationist, er bestreite also die Evolutionstheorie, was Rückschlüsse auf den Vernunftgrad seines Weltbildes zulasse. Zudem verkörpert er eine von Überlegenheit beseelte Außenpolitik, die weit hinter Barack Obama zurückfällt. Ohnehin sieht die Kanzlerin den Zustand der amerikanischen Demokratie äußerst kritisch, die Demokraten haben sich noch lange nicht von ihrer Niederlage erholt, während die Republikaner von extremen Sekten aller Art dominiert werden.