DIE ZEIT: Frau Botschafterin, was feiern wir eigentlich an Pfingsten?

Annette Schavan: Dass Gott uns Menschen den Geist sendet, als Ausdruck seiner Treue. Die Bibel erzählt auch, dass die Jünger Jesu in vielen Sprachen redeten und einander doch verstanden.

ZEIT: Glauben Sie, dass es buchstäblich so war?

Schavan: (lacht) An die Treue Gottes und die Vielfalt im Christentum glaube ich gewiss.

ZEIT: Und was ist mit denen, die nicht glauben: Hat Pfingsten für sie irgendeine Bedeutung?

Schavan: (überlegt) Sie können feiern, dass wir Menschen vom Geist erfüllt sind. Im Psalm acht heißt es über uns als Geschöpfe Gottes, wir seien "nur wenig geringer als Gott gemacht". Pfingsten ist das Gründungsfest einer Kirche, die uns lehrt, gut über uns und andere zu denken, die Vielfalt nicht zu fürchten und Neues zu wagen. Die Nachfolger Jesu nannte man übrigens auch "Menschen des neuen Weges". Ich freue mich schon auf die Pfingstliturgie auf dem Petersplatz, umrahmt von Berninis wunderbaren Kolonnaden, die gleichsam die Welt umarmen.

ZEIT: Papst Franziskus gilt als großer Versöhner. Er hat zwischen Israel und Palästina, zwischen Kuba und den USA vermittelt. Vorige Woche war der Presbyterianer Donald Trump bei ihm. Gab es etwas, worin diese beiden sich einig waren?

Schavan: Das weiß ich auch nicht.

ZEIT: Sie waren Ministerin, sind nun Botschafterin, eigentlich ist die Aufgabe in Rom für Sie etwas klein. Warum wirken Sie gar nicht unfroh?

Schavan: Weil Rom das Zentrum einer Weltkirche ist, die seit Jahrhunderten globale politische Erfahrung hat. Hier treffe ich starke Gesprächspartner zu Themen wie Globalisierung und Integration. Als ich vor drei Jahren nach Rom kam, schloss sich für mich aber auch ein Lebenskreis, zurück zu den theologischen Fragen meiner Studientage.

ZEIT: Ihre Gegner sahen Rom als Strafposten, nach Plagiatsvorwürfen und Ihrem Rücktritt als Ministerin. Es blieb jedoch höchst zweifelhaft, ob die Vorwürfe gegen Sie gerechtfertigt waren. Wie blicken Sie heute darauf?

Schavan: Ich habe in meinem Leben niemanden getäuscht. Aber Politik und öffentliches Leben folgen eigenen Gesetzen. Da geht es manchmal nicht mehr um die Frage nach Gerechtigkeit, sondern es braucht eine Antwort, die eine Debatte beendet. So eine Antwort war mein Rücktritt. Ich wollte dem Amt und der Bundesregierung nicht schaden.

ZEIT: Was war das Beste an Ihrer Entscheidung für Rom?

Schavan: Ich erlebe hier, wie ein Papst die Christen auffordert, neue Wege zu gehen. Das ist seine Art der traditionsgemäßen Amtsausübung. Franziskus will das Herzstück unserer Botschaft entfalten – dass Christen sich nicht fürchten sollen. Mich erinnert die Atmosphäre in Rom an jene Jahre des Aufbruchs, als Johannes Paul II. sich mit Verve für die europäische Wiedervereinigung einsetzte, und an die friedliche Revolution, als so viele Deutsche sich durch die Kirchen beflügelt fühlten, ihre Freiheit einzufordern. Diesen Esprit spüre ich auch jetzt wieder.

ZEIT: Im Auswärtigen Amt wurde vorab gegrummelt, dass Sie als alleinstehende Frau den Botschafterposten beim Heiligen Stuhl bekleiden.

Schavan: (lacht herzlich) Das beschäftigt mich schon lange nicht mehr. Es war auch in Rom nie Thema. Die katholische Kirche weiß nun wirklich, dass es unterschiedliche Lebensmodelle gibt, auch dass ein Mensch allein lebt.

ZEIT: Waren Sie die erste Frau in dem Amt?

Schavan: Für Deutschland ja. Aber im diplomatischen Korps des Heiligen Stuhls gab es schon früher Frauen. Aktuell sind wir etwa zehn.

ZEIT: Was tut die Botschaft beim Heiligen Stuhl?

Schavan: Was jede Botschaft tut: vermitteln, erklären, übersetzen. Ich begleite wichtige Besucher aus Deutschland zur Audienz, spreche auf Konferenzen im Vatikan. Unser Gegenüber ist aber kein Staat, sondern eine weltweite Religionsgemeinschaft mit allein 4.000 katholischen Universitäten.

ZEIT: Was war Ihre heikelste Situation in Rom?