Immer in der Mittagspause geht Mohammed Tarzi* in den Abstellraum und betet. Rollt den Teppich aus, kniet sich hin, presst die Stirn auf den Boden. Neben ihm stehen Bierkästen: Tegernseer hell und Auerbräu, an der Wand hängt eine fleckige Arbeitshose. Der Raum ist winzig. Allah ist groß. Wenn Tarzi fertig ist, rollt er den Teppich zusammen und geht zurück an seinen Arbeitsplatz. Wuchtet riesige Bögen aus Pappe aus Metallregalen. Verpackt damit lange Bretter aus Birkensperrholz. Verklebt die Pakete mit Tesaband. Das macht er von Montag bis Freitag, acht Stunden täglich, für 1.550 Euro brutto im Monat. Nicht viel, aber genug, um für sich selbst zu sorgen

Tarzi, 23 Jahre alt, geboren in Laghman, Afghanistan, hat gefunden, was viele Flüchtlinge in Deutschland bis heute verzweifelt suchen: einen Job. Tarzi ist Lagerarbeiter bei der Möbelfirma Nils Holger Moormann, einem Betrieb mit rund 50 Mitarbeitern, Sitz in Aschau am Chiemsee, bayerisches Mittelstandsidyll. Vor den Fenstern der Firmenzentrale blüht roter Mohn. Drinnen stehen handgefertigte Regalsysteme und Schreibtische aus Birkenholz, Möbel, wie man sie in Designbüros findet oder in den Cafés von Berlin-Mitte.

In Aschau herrscht quasi Vollbeschäftigung. Harald Bühler, einer der Geschäftsführer der Möbelfirma, weiß, wie schwer es hier ist, für einfache Jobs fleißige Leute zu finden. 2015, als Tarzi und all die anderen Flüchtlinge über den Balkan nach Deutschland kamen, hörte Bühler die Appelle der Politiker. Sie ermutigten Deutschlands Unternehmer, Flüchtlinge in ihre Firmen zu holen. Bühler machte mit: Er stellte zwei Nigerianerinnen ein, als Putzfrauen. Und den Afghanen Tarzi als Lagerarbeiter.

Es hätte eine der Geschichten des Flüchtlingssommers 2015 werden können, die am Ende für alle Seiten gut ausgehen. Hätte. Denn nach einigen Monaten erhielt Tarzi Post, erst von der Ausländerbehörde, dann vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die Ausländerbehörde entzog ihm seine Arbeitserlaubnis. Das Bundesamt schickte ihm einen Abschiebebescheid. Tarzi verlor seinen Job. Und Bühler seinen Lageristen. Auch die beiden Nigerianerinnen durften nicht mehr arbeiten.

Tarzi gehört nun zum Heer der Abgelehnten. Rund 40 Prozent der Asylanträge wurden im vergangenen Jahr nicht bewilligt. Das heißt: Hunderttausende Flüchtlinge müssten das Land eigentlich verlassen. Dass nicht alle gehen oder abgeschoben werden, ist jetzt schon klar. Weil sie krank sind zum Beispiel, weil sie keinen Pass besitzen oder weil sie vor Gericht ziehen und gegen ihren Asylbescheid klagen.

Es gibt aber noch einen anderen Grund: weil viele es schaffen, auch ohne Aufenthaltsgestattung Geld zu verdienen. In jenem Graubereich der deutschen Volkswirtschaft, in dem die Dinge nicht mit einem Vertrag, sondern per Handschlag geregelt werden. Wo weder Steuern noch Sozialversicherungsbeiträge gezahlt werden und aus einem Anstellungsverhältnis schnell ein Ausbeutungsverhältnis wird: auf dem schwarzen Arbeitsmarkt. Fragt man bei Gewerkschaften und Flüchtlingsberatungsstellen, in welchen Branchen die Abgelehnten ihr Geld verdienen, hört man immer dasselbe: Sie mauern Häuser, putzen Hotelzimmer, waschen Teller, stechen Spargel, pflücken Erdbeeren, schrubben Container, entladen Schiffe, schneiden Hecken, waschen Autos, bauen Gerüste auf, räumen Lagerregale ein.

Wie viele Abgelehnte schwarz arbeiten, dazu gibt es keine Zahlen. Der Zoll erfasst bei seinen Kontrollen Flüchtlinge zwar als eigene Kategorie, aber nur, bis ihr Asylantrag entschieden ist. Flüchtlingsberatungsstellen und Gewerkschafter sind sich aber einig, dass mit der Zahl der abgelehnten Flüchtlinge auch die Zahl der Schwarzarbeiter steigen dürfte.