Jaja, natürlich sind die Sancerres und Pouilly Fumés und Crémants wunderbar, das Leben wäre viel glanzloser ohne sie. Aber sie sind doch nur die gepflegte Hintergrundmusik zu einem Fest. Der Chrenowucha hingegen ist, als käme ein wild gewordenes Orchester hereingestürmt und würde um sein Leben spielen. Klingt nicht edel, aber existenziell.

Das erste Mal trank ich Chrenowucha, als das Gebiet, aus dem ich berichtete, im Krieg versank. Wir saßen in der ostukrainischen Stadt Donezk und aßen Pelmeni mit Schmand, eingelegte Gurken, Brot mit Schmalz und Seljodetschka – Hering mit Kartoffeln und Zwiebeln. Es war ein heißer Maitag, über 30 Grad, uns fröstelte trotzdem damals sehr oft, und ein Kellner empfahl uns Chrenowucha, diesen etwas trüben Wodka, der so gut stärkt.

Der Kellner brachte den Chrenowucha in einer kleinen Karaffe mit zwei hübschen kleinen Gläsern, östlich von Berlin weiß man noch, wie man Wodka mit Stil trinkt. Wir nahmen einen Schluck von diesem trüben Getränk, es schmeckte leicht süßlich, dann brannte es in der Kehle, der Wodka war mild, aber scharf, er schmeckte nach Rettich, Chren, wie es auf Russisch heißt. Sofort brannte es in der Kehle, aber auf eine angenehme Art. Grund anzustoßen hatten wir genug: Uns war nichts zugestoßen. Der Toast des Abends: "Auf den Frieden! Auf das Leben!"

Das zweite Mal trank ich Chrenowucha an einem Januartag in Jaroslawl, etwa 200 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen. Minus 36 Grad. Wir stiefelten durch die verlassene Stadt, nach sieben Minuten spürte ich meine Zehen nicht mehr, nach zehn wurden die Wangen taub, nach zwölf vereisten die Wimpern. Nach 15 Minuten sah ich in der Ferne Flammen. Ein Feuer, konnte das sein? Wir fanden die Rettung: ein Restaurant mit verglasten Außenwänden und einem offenen Kamin. Wir eilten hin und tranken den besten hausgemachten Chrenowucha unseres Lebens. Die Zehen tauten auf und schmerzten, aber wo Schmerz ist, da ist Leben, wie eine gute Freundin sagt. Wir stießen an: "Auf das Leben, auf den Sommer!"

Chrenowucha ist perfekt, wo Not ist. Er wird aus Rettich gemacht, und jeder in Russland oder in der Ukraine hat das weltbeste Rezept daheim. Die einen nehmen Ingwer oder Knoblauch und Muskat, unabdingbare Zutaten sind jedoch nur Wodka, Rettich und etwas Honig. Und dann am besten bei 40 Grad fünf bis sieben Tage ziehen lassen.

Es heißt, Peter der Große habe seine Bedienstete angewiesen, Chrenowucha des Winters für Reisende bereitzuhalten, zum Aufwärmen und weil der Wodka heilt. Rettich hat angeblich mehr Vitamin C als Zitronen, er soll antibiotisch wirken, und deshalb, so heißt es, schützt Chrenowucha vor Erkältungen, Grippe und Gliederschmerzen. Chrenowucha rettet. Trinkt ihn. Er ist eine Zumutung, er kann scheußlich und zauberhaft schmecken, er lindert Nöte und stärkt Nerven.