Frei hinter geschlossener Tür

An unserem Wohnzimmerschrank hing ein Text auf altem Druckerpapier mit Lochstreifen an der Seite. Beim Telefonieren pulte ich die ausgefransten Blattränder ab und las: Das erste Manifest der Trivialpoesie. Mein Stiefvater Jan, ein Dichter, hatte die Zeilen geschrieben, experimentelle Lyrik: "Trivialpoesie ist die Poesie des alleinstehenden Satzes." Darunter folgten mehrere Beispiele, Nummer zwei war fett gedruckt: "ICH WILL FICKEN."

Ficken stand in unserem Wohnzimmer wie der runde Esstisch, das Sofa und das Bücherregal.

Ich war vielleicht zehn oder elf und hatte eine vage Vorstellung davon, was ficken bedeuten könnte. Es erschien mir nicht sehr ansprechend. Wir lebten damals, frühe achtziger Jahre, in Ost-Berlin, Johannisthal, ein Viertel wie eine Sackgasse kurz vor der Mauer. "Ficken" klang ungefähr so, als würde man vor Erich Honecker "Es lebe New York!" brüllen, gefährlich subversiv. Ficken hatte eine zweite Ebene, nur begriff ich die noch nicht ganz. Aber ich war alt genug, um zu merken, dass in keinem Wohnzimmer im Umkreis etwas Ähnliches hing. Als Kind hat man sensible Antennen dafür, was einen von anderen trennt.

Bald klebte in unserem Flur gut sichtbar noch ein Plakat mit einem Bild der inzwischen sehr bekannten Fotografin Gundula Schulze Eldowy: Eine schöne dunkelhaarige Frau posiert nackt vor einer DDR-typischen Mustertapete, im Hintergrund drängen sich ein Kohleofen und eine abgewetzte karierte Couch. Breitbeinig steht die Frau da, hält eine Zigarettenspitze in ihrer Rechten und blickt selbstbewusst in die Kamera. Wenn ich es heute betrachte, sehe ich eine Königin, die sich scheinbar unbeeindruckt vom versifften Sozialistengrau behauptet. Damals sah ich vor allem eins: ihre Schamhaare.

Die Kombination aus dem Text meines Stiefvaters und diesem Foto führte dazu, dass ich mich als Teenager stets bemühte, Besucher, vor allem männliche, sogleich in mein Zimmer neben der Eingangstür zu schieben. Zu peinlich das Ganze. Hätte ich erklären sollen, das sei Kunst? Nein, ich wollte auf gar keinen Fall etwas dazu sagen.

Von der sexuellen Revolution hatte ich noch nichts gehört, von den 68ern im Westen vermutlich schon. Dass meine Mutter und mein Stiefvater zu ihnen gehörten, ist mir erst Jahre später in den Sinn gekommen. Ja, die 68er existierten tatsächlich auch in der DDR. Ich bin ein Kind von ihnen. Nur gibt es über uns kaum Bücher, und gezählt hat uns auch niemand.

Obwohl ich 1968 noch nicht auf der Welt war, denke ich wie wohl die meisten im Osten bei dieser Jahreszahl an Prag, den Prager Frühling und seine Niederschlagung. Das hängt auch damit zusammen, dass mein Stiefvater Jan Tscheche ist. Nach der Scheidung meiner Eltern in den frühen siebziger Jahren und nachdem Jan, der neue Mann meiner Mutter, zu uns nach Ost-Berlin gezogen war, fuhren wir in fast allen Ferien nach Prag zu meiner Stiefoma Franzi. In Jans altem Zimmer lehnte ein Straßenschild am Fenster, dessen Schrift mit weißer Farbe übermalt worden war. Dieses Schild faszinierte mich als Kind, es wirkte wie eine geheimnisvolle Trophäe.

Als Jan mit 17 Jahren am Morgen des 21. August 1968 sowjetische Panzer hinter seinem Haus langfahren sah, brach er auf und machte die Straßennamen unkenntlich. Die sowjetischen Soldaten sollten sich in den Prager Gassen verirren.

Alexander Kluge - Die Auslöser der 68er-Bewegung Benno Ohnesorgs Tod, Rudi Dutschkes Reden und die Intervention des Philosophen Jürgen Habermas: Der Filmemacher Alexander Kluge zeichnet in dieser Collage nach, wie vor 50 Jahren der studentische Protest aufflammte. © Foto: dctp.tv

Meine Mutter verfolgte in Kleinmachnow bei Berlin die Ereignisse in den Westmedien – Prag, Paris, West-Berlin. 1968 ging sie in die zehnte Klasse und probte den Aufstand. Zusammen mit acht Mitschülern gestaltete sie eine Wandzeitung zur Abstimmung über eine neue DDR-Verfassung. Sie bestand nur aus Zitaten von Alexander Dubček, Wolf Biermann und Ernst Fischer. Es ging ihnen um Meinungsfreiheit. "Überall war etwas los, und wir hatten die Hoffnung, dass bei uns auch etwas losgehen könnte", sagt meine Mutter. Die Wandzeitung hing zwei Stunden lang, danach folgten Verhöre beim Parteisekretär, beim Direktor und bei den Lehrern. Meine Mutter und ihre Mitstreiter wurden als Konterrevolutionäre beschimpft, ihre Klassenkameraden ausgehorcht. Meine Mutter, die Jüngste, bekam einen Verweis auf dem Fahnenappell vor der gesamten Schule. Die älteren Jungs wurden gleich nach dem Abitur zur Armee eingezogen oder in die Produktion geschickt.

Mit dem Ende des Prager Frühlings zerbrach auch der Traum meiner Mutter von Veränderungen in der DDR. "Für uns war das die Niederwerfung", sagt sie heute. "Im Westen tobten sie auf den Straßen herum. Sie konnten sich artikulieren, wir nicht." Völlige Anpassung ans System war für sie aber auch ausgeschlossen.

Im Unterschied zu den 68ern im Westen rebellierten mein Stiefvater, meine Mutter und die anderen im Osten nicht vorrangig gegen die Nazivergangenheit ihrer Eltern oder Großeltern. Die Regierenden der DDR waren, wenn auch nicht alle, zum größten Teil Antifaschisten. "Wir beschäftigten uns nicht mit dem Nazi-Erbe, sondern mit Stalins Erbe", sagt meine Mutter.

Als wir Ende der siebziger Jahre nach Johannisthal zogen, weil wir dort eine große Altbauwohnung bekamen, und mein Halbbruder geboren wurde, traf sich meine Mutter einmal im Monat mit ihrer konspirativen oppositionellen Gruppe. Bernd, Gunther, Burkhard, Jimmy, E.T.A., Klaus und Jutta – das sind für mich die Freunde meiner Eltern aus der Kindheit. Sie trugen lange Haare, lasen marxistische Basisliteratur und diskutierten an unserem Wohnzimmertisch, wie man die DDR reformieren könnte.

Den 68ern in der DDR blieben die großen Karrieren versagt

Je älter ich wurde, desto bewusster wurde mir die Diskrepanz zwischen der Welt vor der Eingangstür und der dahinter. Es gab in meinem Umfeld niemanden, der so lebte wie wir. Auf die alte Mustertapete in unserer Wohnung hatte mein Stiefvater mit schwarzem Stift in großen Buchstaben "Tapete Maskos" geschrieben, Maskos war der Name unserer Vormieter. Das war seine Art, sich von deren Geschmack zu distanzieren, ohne renovieren zu müssen. Hinzu kamen seine Design-Eigenkonstruktionen, weshalb sich in Johannisthal das Gerücht hielt, wir besäßen gar keine Möbel, sondern nur Kisten und Bretter.

Noch dazu hatte sich Jan eine neue Frisur zugelegt, vorn abrasiert, hinten lang, nicht zu verwechseln mit dem gewöhnlichen Vokuhila. Manchmal flocht er sich auch einen Zopf. Dann sah er aus wie ein Samurai. Meine Mitschüler fragten mich immer wieder nach seinem Aussehen, daraufhin lud Jan sie zu uns nach Hause ein, um sie über seine Lebensansichten aufzuklären. Ich konnte es nicht verhindern. Meine Mitschüler saßen schweigend an der Kaffeetafel und musterten etwas erstaunt die Tapeten und das Manifest der Trivialpoesie. Jan erzählte von seinen Idolen, den Rolling Stones und Bob Dylan. Ich hockte eingeklemmt dazwischen und versuchte, wie eine Schiedsrichterin das Schlimmste abzuwenden. Von diesem Nachmittag berichteten meine Mitschüler später noch lange wie über einen Ausflug zu einem exotischen Eingeborenenstamm. Was sie ihren Eltern erzählten, wollte ich lieber nicht wissen. In den Wohnungen, die ich sonst kannte, standen riesige dunkelbraune Schrankwände, in diesen Zimmern herrschte ewige Dämmerung. Und sie waren aufgeräumt, unheimlich aufgeräumt.

Bei uns hatte Jan gerade "Die 15 Grundregeln des modernen Haushalts" entwickelt. Danach richteten wir uns beim Saubermachen. Erste Grundregel: "Die Erhaltung der Unordnung in Unordnung ist zeitlich viel sparsamer als die Erhaltung der Ordnung in Ordnung." Es ging weiter mit: "Das Suchen von Gegenständen und Schriftstücken ist eine produktive Tätigkeit, weil es zwingt, sich mit Gegenständen und Schriftstücken zu beschäftigen, die man sonst ignorieren würde." Und gipfelte in Regel 14 und 15: "Alle Wasch- und Putzmittel sind Feinde des Lebens, weil sie Fette und Säuren, die einen schützen, und die Mikroorganismen, mit denen man in Frieden leben sollte, zerstören." 15: "Es gibt wichtigere Dinge als Haushalt." Diese Thesen behielt ich für mich.

Wir hätten wunderbar in eine Grünen-WG im alternativen West-Berlin gepasst, aber im Rand-Ost-Berlin der achtziger Jahre wirkten wir ungefähr so wie Donald Trump neulich im Vatikan.

Inzwischen waren auch die Prinzipien der antiautoritären Erziehung bis nach Ost-Berlin gelangt. Tief hat sich mir Summerhill eingeprägt, das britische Internat mit demokratischer Selbstregierung, wo Lehrer und Schüler gleichberechtigt über alles abstimmten. Im Westen war das Buch darüber, Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung, ein Bestseller, nun ruhte es auch in unserem Bücherregal wie ein Blindgänger, der seine Sprengkraft in meinen Gedanken entfalten konnte. Antiautoritäre Erziehung in einem autoritären Staat. Summerhill wurde für mich zum Symbol der Freiheit. Manchmal blätterte ich mehrmals am Tag in den abgegriffenen Seiten, als müsse ich mich vergewissern, dass die Zeilen tatsächlich existierten: Schüler durften gegen Bestrafungen protestieren, auf Disziplinarmaßnahmen und Beeinflussung wurde verzichtet, man musste noch nicht einmal zum Unterricht erscheinen. In meinem Alltag an der Dr.-Richard-Sorge-Schule ging es darum, sich zu einer folgsamen sozialistischen Persönlichkeit im Kollektiv zu entwickeln. Damit konnte man nicht früh genug beginnen.

Schon in der Kita hatte ich vor dem Teller mit der verhassten Bohnensuppe sitzen müssen, bis ich sie hinuntergewürgt hatte. Aus Rache erbrach ich kurz darauf alles wieder. In der ersten Klasse sollten wir Kosmonauten malen, alle waren weiß, nur meiner hatte braune und gelbe Streifen wie Biene Maja. Ich bekam eine Fünf. Als ich völlig verunsichert nach Hause kam, beschwerte sich meine Mutter in der Schule. Aber auf der Elternversammlung wandten sich auch die anderen Eltern gegen sie. Ihre Tochter solle sich bitte schön daran halten, was die Lehrer anordneten. Ich begriff, es ging nicht darum, wie das Bild aussah, nur darum, sich den Regeln zu beugen. Wenn ich sozial nicht ins Abseits geraten wollte, musste ich lernen, die 68er-Welt meiner Eltern und die Schulwelt voneinander zu trennen. Fortan führte ich ein schizophrenes Leben.

Meine Wirklichkeit zu Hause entfernte sich immer weiter von der Wirklichkeit des Schulalltags. Als ich zehn war, 1982, starb Leonid Breschnew, und wir legten im Unterricht eine Schweigeminute für ihn ein. Zu Hause sagte ich zu meinen Eltern, laut unbekannter Quelle in unserer Stasi-Akte, die wir viele Jahre später lasen, "daß es nun nach dem Tod des Breschnews blöd wird, weil man nicht weiß, welcher Ochse danach kommt". Als in Tschernobyl der Atomreaktor explodierte, meinte meine Biologielehrerin, das sei eine Propagandalüge des Westens, zu Hause tranken wir wochenlang keine Milch. Viele DDR-Familien teilten ihre politische Meinung in öffentlich und privat. Aber einer Familie wie meiner war ich unter meinen Schulfreunden nicht begegnet.

Mein Stiefvater durfte nicht in seinem Beruf als Programmierer arbeiten, auch seine Lyrik wurde nicht veröffentlicht. Um nicht als "asozial" verfolgt zu werden, fing er in einer Schlosserei an. Meine Mutter arbeitete als Psychologin in einer Nervenklinik. Sie verdiente das Geld und engagierte sich in einer Frauengruppe für den Feminismus. Auch beim Thema Gleichberechtigung lagen wir ganz weit vorn. Die marxistische Basisliteratur war meiner Mutter zu langweilig geworden. Ihre Kämpfe erschienen den beiden Mitte der Achtziger immer öfter vergeblich. Politisch hatten sie nicht viel erreicht.

Im Westen begannen die 68er den langen Marsch durch die Institutionen und schafften es am Ende bis ins Bundeskanzleramt. Den 68ern in der DDR blieben die großen Karrieren versagt. Sie wurden unterdrückt, gingen in den Westen oder zogen sich ins Private oder Beruflich-Künstlerische zurück.

Der Fluchtpunkt für meine Mutter und Jan wurde in den achtziger Jahren die Literatur- und Künstlerszene um den Prenzlauer Berg. Oft brachen sie am Abend dorthin auf. Mein Halbbruder und ich blieben in Johannisthal zurück. In meinem Freundeskreis hatte fast niemand von experimenteller Lyrik oder Summerhill gehört. Aber ich lernte den schizophrenen Zustand zu schätzen. Ich durfte länger ausgehen als die meisten, trank mit 14 Cola-Wodka in den Clubs, und wenn ich Partys feierte, stauten sich meine Gäste bis in den Hausflur. Selbst als ich einmal einen Freund, der aus einem Jugendwerkhof geflohen war, aufnahm, ließen meine Mutter und Jan ihn bei uns übernachten. Meine Freunde genossen meine Freiheit mit. Um sozial zu überleben, war ich um Ausgleich bemüht. Trotz privater oder politischer Unterschiede redete ich mit allen und kam mit den meisten klar. Aus der Tochter der 68er-Rebellen war eine Vermittlerin geworden. Ich weiß nicht genau, ob meine Mutter und Jan das mit ihrer antiautoritären Erziehung im Sinn gehabt hatten.

Im Gegensatz zu einigen Kindern von 68ern im Westen, die sich später in Büchern über Vernachlässigung und Chaos beklagten, bewundere ich meine Mutter und Jan heute dafür, dass sie es wagten, anders zu sein in der DDR.

Ein Jahr vor dem Mauerfall zogen wir nach Berlin-Pankow. Dort saßen bald wieder die bärtigen Freunde meiner Eltern in unserer Küche, im Blick den Eifer des gesellschaftlichen Aufbruchs. Aus den 68ern des Ostens wurden nun die 89er.