Seine Bücher habe ich mit zitternden Händen gelesen, wieder und wieder, wie im Fieberwahn. Und jedes Mal legte sich über die Seiten eine neue Schicht von An- und Unterstreichungen, von Post-its und Randbemerkungen. Ein Leseerlebnis, wie es mir sonst nur einmal widerfahren ist, in der Jugend, als ich Hermann Hesse verfallen war. Aber auf Hesse folgte, kaum war ich erwachsen, eine unglaubliche Ernüchterung: das Unverständnis, dass ich mich jemals für so viel Pathos habe begeistern können. Der Zauber von Denis Johnson dagegen nahm mit jedem Buch, mit jedem Lesen zu – ein Wiederholungszauber aus der Hand eines Hexenmeisters, der jetzt, da er gestorben ist, umso stärker wirkt. Diese federnd leichten Sätze. Dieser einfache und doch abgründige Stil. Diese kolossal verrückten Dialoge. Dieser Witz im Detail. Das Wissen, dass nicht mehr viel Neues von ihm erscheinen wird, macht die bisher veröffentlichten Texte nur kostbarer, zu einem Kanon des brutalen und komischen Irrsinns, den wir Leben nennen.

Sein erster Roman, Engel aus dem Jahr 1983, ist eine wütende white trash- Rhapsodie über Co-Abhängigkeit, Missbrauch und Alkoholismus. Es folgten, aus heutiger Sicht, drei schwächere Romane – das postapokalyptische Fiskadoro, der amouröse Höllentrip nach Nicaragua The Stars at Noon und die Detektivgeschichte Wiederbelebung eines Gehängten, bevor er mit dem Erzählband Jesus’ Sohn einen neuen Höhepunkt seines Schaffens erklomm: einem Reigen voller Gewalt, Schmerz, Gleichgültigkeit, düsterer Vorahnungen, rauschinduzierter Halluzinationen, derber Sprüche und krasser Bilder.

Der in den Redwoods Nordkaliforniens angesiedelte Schauerroman Schon tot versammelt auf engstem Raum so viele Gestörte, Geister und Dämonen, echte und unechte Erscheinungen, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Die für den Pulitzerpreis nominierte Novelle Train Dreams, die Geschichte eines Eisenbahnbauers, der Schienen von Ost nach West verlegt, aber nie das Meer erblickt, der bei einem Feuer Frau und Tochter verliert und in seinen Ascheträumen glaubt, ihnen wieder zu begegnen, ist das vollkommenste Stück Prosa, das je geschrieben wurde. Und das monumentale, auf Deutsch 878 Seiten umfassende Vietnamkriegsepos Ein gerader Rauch, für das Johnson schließlich den National Book Award erhielt, handelt nur von Versehrten: Soldaten, Spionen und Krankenschwestern, die, obwohl einige von ihnen nach Hause zurückkehren, keinen Halt mehr finden und am Ende lichterloh in Flammen stehen – wie brennende Bäume, deren Funken verglühen, ehe sie den Himmel erreichen.

Der Erfolg setzte ein, als Johnson sich von den Drogen lossagte

Denis Johnson, Sohn eines Besatzungs- und Geheimdienstoffiziers und einer Hausfrau, wurde 1949 in München geboren und wuchs auf den Philippinen, in Japan und den Vororten von Washington, D. C., auf. Mit zwanzig Jahren schrieb er sich an der Universität Iowa ein, besuchte Creative-Writing-Kurse bei dem damals noch unbekannten Raymond Carver, trank mit ihm zusammen, trank allein, schluckte jede Menge Pillen, rauchte Gras, spritzte sich Heroin, schrieb, wenn er voll war, Gedichte und Kurzgeschichten, ließ sich durchs Land treiben, lebte abwechselnd auf der Straße und in Entzugskliniken oder Psychiatrien, eine Ehe ging in die Brüche, dann noch eine. Der Erfolg setzte ein, als er sich von den Drogen lossagte und ganz exklusiv der Literatur zuwandte. Womöglich kam ihm das wie ein himmlisches Zeichen vor, als ob Gott ihn habe testen wollen, und so sind alle seine Texte Hiob-Geschichten, alle sind beeinflusst von der Bibel, von ihren Motiven, ihren Figuren, ihrer Sprache. Dass er in Deutschland lange Zeit ein Schattendasein geführt hat, ist auf wechselnde Verlage und schlechte Übersetzungen zurückzuführen. Erst durch die Wiederentdeckung um die Jahrtausendwende im Alexander Fest Verlag und die glänzenden Übertragungen von Bettina Abarbanell erlangte er auch hierzulande eine gewisse Bekanntheit, vor allem unter Schriftstellern.

In seinem neunten, dem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Roman Die lachenden Ungeheuer geht es um Freundschaft, darum, wie man trotz aller Widerstände und über alle Unwahrscheinlichkeiten hinweg Bindung aufrechterhält. Es ist ein geopolitischer Agententhriller in der Tradition von Don DeLillo und ein Abenteuerroman, wie ihn Joseph Conrad nicht besser hinbekommen hätte. Johnson beschreibt darin eine aberwitzige Tour de Torture von Sierra Leone über Uganda bis an die Grenze zum Kongo, vom Westen Afrikas bis ins sprichwörtlich gewordene Herz der Finsternis. Ausgangspunkt ist die Stadt Freetown, "ein Haufen Gebäude, viele davon verfallend, und rundherum zahllose Schatten und zerlumpte Gestalten, die über ihre leeren Bäuche gebeugt weiß Gott wohin trotteten", ein Ort, an dem alles möglich ist. "Verräter und Deserteure können sich hier vor deinen Augen in Luft auflösen."

Einer dieser Typen, der erst allmählich Gestalt annimmt und dann allmählich wieder verschwindet, ist Michael Adriko, ein fahnenflüchtiger Söldner, ein "korpulenter Mann mit kahlem, schokoladenbraunem, projektilförmigem Kopf", der in einem violetten Veloursjogginganzug auftritt und stets die attraktivsten Frauen um sich schart. Seine vierte Verlobte ist so schön, dass die Blicke ihr folgen, "als schleife sie sie mit den Händen hinter sich her". Adriko ist ein Nachkomme von Idi Amin, dem Schlächter Ugandas, aufgezogen von Missionaren, in terroristischer Taktik ausgebildet vom Mossad, von der US-Armee in Krisenregionen eingesetzt, ein "Auftragsrambo", wie er sich voller Verbitterung nennt, ein "Rädchen in einem Roboter, der auf Lügen programmiert ist", ein Folterer, der selbst Spuren von Folter aufweist.

Jeder spioniert jeden aus, jeder hat gegen jeden etwas in der Hand

Der andere Typ ist der Erzähler, Roland Nair, halb Däne, halb Amerikaner. Er arbeitet für die N.I.I.A., eine Unterorganisation der Nato, die sich mit Nachrichten und Netzwerken beschäftigt, die fiktive Nato Intelligence Interoperability Architecture. Er habe, so heißt es, mit der Verlegung von Glasfaserkabeln für die CIA zu tun gehabt. Wie James Bond trinkt er Martini. Er trägt aber keinen Smoking, er ist kein Gentleman, der an der Bar mit Frauen flirtet, sondern jemand, der minderjährige Prostituierte mit aufs Hotelzimmer nimmt, ein Mann ohne Loyalität zu seinem Land oder seiner Freundin, ein vollkommen Heimatloser.