"Endlich", sagte Ulf und lachte, so wie er immer lacht, ein bisschen hoch, aber auch ein bisschen tief, "endlich sind die Hippies von der Bild- Zeitung auch da!" Er drehte sich von Alem und mir kurz weg und küsste links und rechts eine kleine, blonde Frau, die plötzlich hinter uns stand, zusammen mit einer anderen kleinen, blonden Frau, die einen kleinen, schwarzen Rollkoffer hinter sich herzog. "Das ist meine Schwester", sagte die erste leise und zeigte auf die zweite, und Ulf sagte laut: "Ihr seid zu zweit – und habt trotzdem das Brandenburger Tor nicht gefunden?" Dann lachte er wieder, und den Rest des Gesprächs hörten Alem und ich nicht, weil wir – fast gleichzeitig – zwei Schritte zur Seite machten. Ich will auf keinen Fall der Chefredakteurin von Bild Guten Tag sagen, dachte ich, und sie dann vielleicht auch noch links und rechts küssen müssen – und Alem dachte bestimmt dasselbe.

Wir standen auf dem Platz des 18. März, von dem wir noch nie vorher gehört hatten. Auf der einen Seite war das Brandenburger Tor, auf der anderen fing die Straße des 17. Juni an, und dazwischen war eine riesige Bühne aufgebaut, auf der schon den ganzen Abend lauter berühmte und nicht ganz so berühmte Leute sangen und tanzten und darüber sprachen, dass Deniz immer noch in der Türkei im Gefängnis saß, inzwischen seit fast drei Monaten. Dass daran bisher keine Demonstration, kein Autokorso, keine diplomatische Geheimnote etwas geändert hatte, sagte aber natürlich niemand.

"Armer, naiver Deniz", sagte ich zu Alem, während Ulf immer noch mit den beiden kleinen Bild- Frauen redete.

"Wieso arm und naiv?", sagte Alem böse, obwohl er eigentlich nie jemandem böse sein kann, und er kratzte sich in seinem kurzen, dunklen Bart, den er sich vor ein paar Monaten hatte wachsen lassen, keine Ahnung, warum.

"Was hat er denn gedacht?", sagte ich. "Dass man in Diktaturen über Diktatoren so schreiben kann wie in Demokratien über schlechte Bands?"

"Nein", sagte Alem, "das hat er bestimmt nicht gedacht."

"Dann hat er also gar nicht gedacht, ja?", sagte ich. "Er saß doch 2015 schon mal wegen ein paar ganz normaler Journalistenfragen in einem Erdoğan-Gefängnis. Dachte er, die neuen Osmanen würden ihn als Nächstes für seine Artikel über Erdoğans Schwiegersohn und den IS zu Tee und Baklawa in den Präsidentenpalast einladen? Dachte er, der türkische Staat hat ihm seinen türkischen Pass nur gelassen, damit er sich damit in der Hitze von Antalya kühle Luft zufächeln kann?"

Wir waren schon seit fast zwei Stunden da. Wir standen hinter der Bühne, also dort, wo man nur mit einem echten Free-Deniz-Backstage-Pass reinkam, und während vorne die drei klugen Typen von der "Antilopen Gang" ihre sympathischen Hass-Witze über Beate Zschäpe und Günter Grass machten, während der taz- Chor mit irgendwelchen italienischen oder spanischen Revolutionsliedern wahnsinnig nervte, während Michel Friedman mal wieder eine supermoralische Rede hielt, die zwar wirklich sehr nett gemeint war, aber so unglaubwürdig klang wie der Monolog einer Avon-Beraterin, holten wir uns jetzt erst mal am Catering-Stand umsonst etwas zu essen und zu trinken – denn so eine Solidaritätsveranstaltung war natürlich wahnsinnig anstrengend.