"Um mich herum haben alle geweint, aber ich nicht, ich habe mich nur gefreut." Agnes Hauser lacht noch heute, wenn sie sich an ihren Abschied erinnert. Die 81-Jährige aus dem deutschen Baden wuchs in einem bäuerlichen Umfeld auf. Als junges Mädchen musste sie viel auf dem Feld und im Stall helfen. Nach acht Jahren Volksschule schickten ihre Eltern sie als Zigarrenwicklerin in die Tabakfabrik. Keinen Tag sei sie dort glücklich gewesen.

Agnes Hausers wünschte sich, fortzugehen. Deshalb bat sie ihre Cousine, die als Hausangestellte in der Schweiz arbeitete, ihr eine Stelle zu suchen. 1954 packte Agnes Hauser ihren Koffer und fuhr mit dem Zug nach Basel. Sie sagt: "Die einzige Gelegenheit, um aus dem Dorf rauszukommen, war: Man konnte in die Schweiz in einen Haushalt arbeiten gehen." Eine Möglichkeit, die nicht nur Agnes Hauser nutzte.

Das In-die-Schweiz-Gehen war ein Massenphänomen. Zwischen 1920 und 1965 arbeiteten jedes Jahr etwa 30 000 Deutsche und Österreicherinnen in schweizerischen Privathaushalten und Gastwirtschaften. Nur während des Krieges waren es weniger.

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert gab es in der Schweiz einen chronischen Mangel an "Dienstmädchen". Der große Bedarf nach Arbeiterinnen führte Frauen wie Agnes Hauser in die Fremde.

Die Migrationspolitik richtete sich seit den frühen 1920er Jahren ganz nach den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes. Und Bewilligungen für eine Einreise wurden nur für sogenannte Mangelberufe ausgestellt. Frauen konnten im Haushalt arbeiten, im Gastgewerbe oder in der Textilindustrie.

Die Deutschen und die Österreicherinnen waren beliebt. Sie galten als anspruchslose und fleißige Arbeitskräfte. Viele Hausfrauen oder Gastwirte warben sie mit Inseraten in deutschen Tageszeitungen an oder baten eine ehemalige Angestellte darum, sich in ihrem Heimatdorf nach einer geeigneten Nachfolgerin umzuhören. Die persönlichen Beziehungen der Migrantinnen hielten die Wanderungsbewegung in Gang. Frauen, die bereits in der Schweiz waren, zogen ihre Verwandten und Freundinnen nach.

Ingeborg Rauscher kam in den 1950er Jahren als Hausangestellte aus der Steiermark nach Solothurn. Sie erinnert sich: "Die Mädchen haben sich so richtig angezündet (sic!) und sind dann eine nach der anderen in die Schweiz." Das erklärt, warum noch in Zeiten des Wirtschaftswunders, nach dem Zweiten Weltkrieg, viele deutsche Frauen als Arbeitsmigrantinnen auswanderten.

Sicher bot der Hausdienst in der Schweiz in wirtschaftlichen Krisenzeiten vielen Deutschen eine Verdienstmöglichkeit. Es war jedoch nicht nur der gute Lohn, der die Frauen in die Schweiz lockte. Die Schwarzwälderin Emma Miescher wollte 1951, ähnlich wie Agnes Hauser, der Provinz entfliehen. Auf die Frage, ob sie in der Schweiz viel verdient habe, antwortet sie: "Geld war so nebensächlich, fort war unser Ding, fort, einfach fort!"

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Die Schweizgängerinnen verließen ihre Heimat, um sich loszulösen vom Elternhaus, um etwas Neues kennenzulernen oder um ein Abenteuer zu erleben. Das zeigen die Gespräche mit diesen Frauen. Für viele von ihnen war es damals nicht so einfach, zu reisen. Aber die Familien der Migrantinnen akzeptierten es meist, wenn ihre Töchter, Nichten und Cousinen loszogen, um in einem geschützten Schweizer Haushalt zu arbeiten.

So beliebt die Deutschen bei den Hausfrauen waren, so umstritten waren sie in breiten Teilen der Bevölkerung. Die Schweizer fürchteten, die "Dienstmädchen" würden die staatliche Souveränität ihres Landes von innen her gefährden: wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und ihres Berufs. Als Hausangestellte und spätere Ehefrauen brächten sie fremdes – monarchisches oder nationalsozia- listisches – Gedankengut und ansteckende Krankheiten in die Familien. Hartnäckig hielt sich das Vorurteil, die Frauen kämen nur, um einen Schweizer Mann zu heiraten. Sie würden alles tun für einen Schweizer Pass.

Solche Anschuldigungen waren nicht nur an Stammtischen weitverbreitet. Auch Politiker, Journalisten und Vertreterinnen bürgerlicher Frauenorganisationen vertraten diese Meinung. Die Vorstellung vom "sittlich verkommenen" deutschen Dienstmädchen äußerte sich in Form von sexuellen Belästigungen. "Am Abend bist du oft von jungen Schweizer Männern angepöbelt worden, wie wenn wir Deutschen billige Ware wären, die man einfach so haben könnte", erinnert sich die Süddeutsche Maja Jans.

Andrea Althaus, 36, ist Historikerin in Bern. Für ihre Dissertation erhielt sie den den Bertha-Ottenstein-Preis der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. © Campus Verlag

Auch wenn die Frauen alle sehr viel arbeiten mussten, bleiben viele gute Erinnerungen an die Aufenthalte in der Schweiz. "Rückblickend war es die schönste Zeit in meinem Leben", erzählt die Steirerin Sieglinde Schmidt. Und sie war nicht die Einzige, die so empfand. Viele Frauen beschreiben die Aufenthalte heute als Selbstermächtigung oder gar Befreiung.

Gerade Bauerntöchter wie Agnes Hauser mussten schon in ihrer Jugend zu Hause sehr viel mithelfen, auch am Abend, nach langen Arbeitstagen. Im Vergleich dazu bezeichnet sie die Zeit in der Schweiz im Nachhinein als die "schönste" ihres Lebens. "Ich habe gemeint, ich sei dort in den Ferien, weil vorher habe ich zehn Stunden arbeiten müssen in der Fabrik, und abends hat meine Mutter die Hausarbeit bereitgehabt für mich. Und in Basel musste ich nur Haushalt machen!" Die Fremde wurde für Agnes Hauser zur Heimat. Seit fünfzig Jahren lebt sie nun in Basel. Die Flucht aus der Provinz sei ihr Glück gewesen: "Ich fühle mich einfach wahnsinnig frei."

Andrea Althaus: Vom Glück in der Schweiz? Weibliche Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich (1920–1965). Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2017

Buchvernissage am 1. Juni im Dreiländermuseum Lörrach. Noch bis zum 1. Oktober ist dort die Ausstellung zum Buch zu sehen: "Mädchen, geh in die Schweiz und mach dein Glück". Eintritt frei. www.magnetbasel.ch