Als Donald Trump nach neun Tagen im Ausland an Bord der Air Force One wieder in Washington landete, war die Stadt eine andere geworden: Das Justizministerium hatte einen unabhängigen Sonderermittler ernannt, der die Russland-Kontakte von Mitarbeitern aus Trumps Wahlkampfteam untersuchen soll. Gegenstand dieser Ermittlungen war inzwischen auch Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn und engster Berater. Und James Comey, der von Trump gefeuerte ehemalige FBI-Chef, bereitete sich akribisch auf seine öffentliche Aussage vor dem Geheimdienstausschuss des Senats vor. Dort soll er über seine Aktennotizen Auskunft geben, in denen er festhielt, wie Trump offenbar die Russland-Ermittlungen des FBI zu stoppen versuchte. Das wäre Justizbehinderung, und die ist strafbar.

Trump reagierte auf dieses neue Washington mit einer Serie wütender Twitter-Meldungen. Hingegen zeigte das Fernsehen Bilder von James Comey, der im Garten seines Hauses in einem ruhigen Vorort von Washington völlig entspannt vor sich hin werkelte.

Kann es sein, dass der ehemalige FBI-Chef gerade den mächtigsten Mann der Welt mit den Mitteln der Bürokratie und des Rechts zur Verantwortung zieht? Dass ein Beamter eine urdemokratische Aufgabe wahrnimmt, die die Parlamentarier, speziell die Republikaner, längst aus den Augen verloren haben?

Zum Beispiel Mitch McConnell. Der Mehrheitsführer im Senat hat die Einsetzung eines unabhängigen Sonderermittlers immer abgelehnt.

Zum Beispiel Devin Nunes. Der Vorsitzende des Ausschusses im Repräsentantenhaus, der die Russland-Affäre untersucht, hatte sich von Trump bereitwillig für ein Ablenkungsmanöver instrumentalisieren lassen. Statt über die Russland-Kontakte von Trumps Wahlkampfteam zu sprechen, half er dem Präsidenten, publikumswirksam Vorgänger Barack Obama ins Zentrum zu rücken und zu behaupten, der habe Trump abhören lassen. Die Anschuldigungen ließen sich nicht halten, aber wochenlang ging es nur um Obama.

Oder Kevin McCarthy. Der Fraktionsführer der Republikaner im Repräsentantenhaus sagt auf einem kürzlich bekannt gewordenen Gesprächsmitschnitt zu Kollegen: "Ich glaube, Putin bezahlt Trump. Ich schwöre bei Gott." Und Paul Ryan, als Sprecher des Repräsentantenhauses einer der mächtigsten Republikaner, antwortet: "Das bleibt vertraulich. Keine Leaks! Alles klar? – So wissen wir, dass wir eine Familie sind."

Die Verantwortung für die Aufklärung haben in Washington darum nun andere übernommen. Beamte wie James Comey.

Comey ist Vater von fünf Kindern, zertifizierter Pflegevater und fährt gerne Fahrrad. Von Berufs wegen ist Comey Jurist, der bereits mit 27 Jahren in den Staatsdienst eingetreten ist. Das hat sein Verhältnis zur Macht geprägt. Als er 2002 Staatsanwalt von New York wurde, trat er vor seine Mitarbeiter und fragte: "Wer von Ihnen hat bislang noch nie einen Fall verloren? Es gibt einen Namen für solche Staatsanwälte, sie gehören zum Club der Hasenfüße." Comey ermahnte sie, nicht nur die leichten Fälle zu übernehmen, die sie mit großer Sicherheit gewinnen würden, sondern sich lieber die schwierigsten Fälle vorzuknöpfen: "Unsere Aufgabe ist es, gerecht zu sein. Und nicht, uns darüber Sorgen zu machen, ob wir einen Fall gewinnen oder verlieren werden."

"Kann ich von Ihnen Loyalität erwarten?", fragte Trump den ehemaligen FBI-Chef

James Comey erinnerte seine Staatsanwälte immer wieder daran, dass der Justiz, der dritten Gewalt, gerade in Amerika eine ganz besondere Rolle zukommt. Denn in einem Land, das weder mithilfe tief greifender Traditionen noch mit einem Sozialvertrag zusammengehalten wird, ist die Justiz die einzige Instanz, dank derer sich die Bürger vor der Willkür der Mächtigen schützen können. Über dem Recht steht niemand. Auch nicht der Präsident.

In Virginia hatte James Comey schon in den neunziger Jahren als Staatsanwalt gegen den damaligen Präsidenten Bill Clinton in der Whitewater-Affäre ermittelt, in der es um Immobilienfinanzierung ging. Und als George W. Bush im Weißen Haus regierte, half der Jurist Comey, quasi in letzter Sekunde, die Verlängerung illegaler staatlicher Abhörmaßnahmen zu verhindern. Als er erfuhr, dass Bush zwei Mitarbeiter zum erkrankten Justizminister Ashcroft entsandt hatte, um sich von diesem eine Sondergenehmigung für die Verlängerung unterzeichnen zu lassen, eilte Comey ins Krankenhaus.

Damit Beamte wie Comey ihre Arbeit ungehindert verrichten können, gibt es seit Langem eine Reihe von Regeln, die die Unabhängigkeit der Justiz und ihrer Ermittlungsbehörden besonders schützen. Dazu gehört seit der Watergate-Affäre in den siebziger Jahren auch, dass sich das Weiße Haus nur in Ausnahmefällen, etwa in Angelegenheiten der nationalen Sicherheit, direkt an das Justizministerium und dessen Behörden wenden darf.

Möglicherweise hat Donald Trump den FBI-Chef James Comey für einen willfährigen Mann wie den republikanischen Abgeordneten Devin Nunes gehalten, als er ihn bei ihrer ersten Begegnung im Januar fragte: "Kann ich von Ihnen Loyalität erwarten?" Möglicherweise hat Trump gedacht, er könne Comey einschüchtern, als er ihn einen Tag nach der Entlassung des wegen seiner verheimlichten Russland-Kontakte in Ungnade gefallen Nationalen Sicherheitsberaters Michael Flynn zur Seite nahm und ihn vor den Ermittlungen warnte: "Ich hoffe, Sie sehen Ihren Weg klar, um davon abzulassen", sagte Trump, "um von Flynn abzulassen; er ist ein Guter; ich hoffe, Sie können davon ablassen." Ganz sicher aber hat der Präsident niemals erwartet, dass er dafür jemals zur Rechenschaft gezogen werden würde. Warum auch?