Die Härte eines Abschieds bemisst sich auch an der Zahl der Tränen, die fließen. Und es sind so viele Tränen geflossen an diesem Schweriner Dienstag – in den Ministerien, im Landtag, in den Amtsstuben –, dass man sagen kann: Selten hat der Rücktritt eines Ministerpräsidenten so viele bewegt, gerührt.

Um 10.09 Uhr an diesem Tag verkündet Erwin Sellering, 67, SPD-Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns seit 2008, dass er sein Amt aufgeben werde – wenige Monate nach der Landtagswahl, die er noch so furios gewonnen hatte. Zwei Sätze lässt er verschicken: "Bei mir ist vor einigen Tagen völlig überraschend eine Lymphdrüsen-Krebserkrankung festgestellt worden, die umgehend eine massive Therapie erfordert. Ich werde deshalb nicht mehr in der Lage sein, das Amt des Ministerpräsidenten so auszufüllen, wie das objektiv notwendig ist und meinem Anspruch an mich selbst entspricht."

Krebs, massive Therapie, Rücktritt. Seit diesen Worten befindet sich das politische Schwerin in einer Schockstarre. Gestandene Kabinettsmitglieder, Pressesprecher, Sekretärinnen berichten, dass sie sich am liebsten im Büro einschließen würden. "Ich bin völlig unvorbereitet erwischt worden", sagt SPD-Sozialministerin Stefanie Drese, "ich bin unendlich geschockt und emotional angegriffen. Ich habe Erwin Sellering immer dafür bewundert, wie korrekt und menschlich er blieb, sogar in den kniffligsten Situationen. Wie er sich an diesem Dienstag verhalten hat, ringt mir aber unendlichen Respekt ab. Seine ganze politische und menschliche Klasse hat sich an diesem Tag noch einmal gezeigt."

Denn Erwin Sellering, der sich immer als Kümmerer im Amt des Regierungschefs verstand, hat seinen Rückzug als letzten großen Dienst am Land organisiert: Am Dienstagmorgen informiert er, peu à peu und nach strengem Zeitplan, Parteifreunde und Kabinettsmitglieder, Mitarbeiter, den Koalitionspartner CDU. Als alle Mitstreiter noch gelähmt sind ob der Nachricht, dass er schwer krank ist, hat Sellering schon generalstabsmäßig die Zeit danach geplant, die Übergabe: Manuela Schwesig, die Bundesfamilienministerin, deren Mentor er seit Jahren ist – die er einst aus dem Schweriner Stadtrat in die große Politik befördert hat – etabliert er binnen weniger Stunden als Nachfolgerin.

Schon am Vorabend hatten die Ersten in der SPD-Führung erfahren, dass er gehen würde. Da sprach Sellering lange mit SPD-Chef Martin Schulz, da erklärte er diesem auch, dass er Manuela Schwesig nach Schwerin zurückholen werde. Am Dienstagmorgen rief Sellering Menschen an, die es ebenfalls früh erfahren sollten. Um sieben Uhr, sagt Vincent Kokert, Fraktionschef des Koalitionspartners CDU, habe sein Telefon geklingelt. "Niemand, auch niemand von seinen Leuten, wusste es länger als ein paar Stunden. Deswegen erschütterte die Nachricht alle."

Und Sozialministerin Drese sagt: Um neun Uhr, in der Kabinetts-Vorbesprechung der SPD, habe sie sich gewundert, dass der Fraktions- und der Landesvorstand dazugekommen seien. "Aber dann kam Erwin Sellering in den Raum, und man hat ihm schon angesehen, dass er eine ganz schlechte Nachricht verkünden wird." Als er erklärte, was ist, dass er seine Diagnose seit ein paar Tagen kenne, selbst etwas Zeit gebraucht habe, um sie annehmen zu können – da seien alle im Raum extrem angefasst gewesen, das bestätigen die, die dabei waren. Drese sagt: "Wir mussten die Nachricht erst verarbeiten. Aber er war schon ganz strukturiert, wusste genau, was passieren muss, was wie geregelt wird, wann die Fraktion tagt, wann der Vorstand."

Kurz danach, noch vor zehn Uhr, werden die CDU-Minister informiert, dann erklärt Sellering seine Entscheidung noch einmal im Kabinett, um 11 Uhr verkündet er sie dem Personal der Staatskanzlei: Dieser Termin ist besonders emotional. "Auch", sagt SPD-Staatssekretär Patrick Dahlemann, "weil der Ministerpräsident so hochprofessionell war." Seinen engsten Mitarbeitern habe er schon morgens erläutert, wie der Tag ablaufen solle.

Mecklenburg-Vorpommern ist ein kleines Bundesland. Jeder kennt jeden. Jeder kennt Erwin Sellering. Hier im Norden hat er sich Anerkennung erworben, weil er immer ansprechbar war, für jeden. Auch für jeden Mitarbeiter. Fürsorglicher Menschenfischer zu sein, auch ausgewiesener Ossi-Versteher, trotz seiner West-Herkunft – das war Sellerings Regierungsstil. Deshalb sind so viele ergriffen, wenn es ihm, dem Kümmerer, schlecht geht.

Am Vormittag lässt Sellering die Mitteilung versenden, dass Manuela Schwesig Ministerpräsidentin werden soll. Der Landesvorstand, die Fraktion und die SPD-Minister werden später einhellig zustimmen. Um 14.30 Uhr tritt Erwin Sellering vor die Presse. Er, der immer zehn, fünfzehn Jahre jünger wirkte, als er ist, sieht angeschlagen aus, er steht vor einem bunten Gemälde in der Staatskanzlei und sagt: "Ich hatte noch viel vor."

Er sagt auch, dass er Manuela Schwesig "mit großer Selbstverständlichkeit" als Nachfolgerin vorschlage. Sie hat er von Anfang an als Spitzenpolitikerin aufgebaut. Als er 2008 Premier wurde, besetzte er genau einen Posten im Kabinett mit einem Polit-Neuling – er machte Schwesig zur Sozialministerin. Machtinstinkt und Führungswille, beides habe Manuela Schwesig im Blut, sagt jemand, der damals dabei war: "Das musste Erwin Sellering ihr nicht erst beibringen. Seine Leistung ist, dass er diese Talente entdeckt hat."

Um 15 Uhr trifft Sellering die SPD-Fraktion. Die Pressestatements danach übernehmen schon Fraktionschef Thomas Krüger – und Schwesig. "Für mich ist es selbstverständlich, in dieser Situation Verantwortung zu übernehmen", sagt sie. Sie sieht bedrückt aus. Vor der Bundestagswahl kann sie für die SPD eine Chance sein, Schwesig kann der SPD im Osten ein Gesicht leihen, als Ministerpräsidentin vielleicht mehr noch denn als Ministerin in Berlin. Aber darum geht es nicht, nicht an diesem Tag. An diesem Tag geht es darum, dass Erwin Sellering, in größtmöglicher Ruhe, wieder gesund werden kann.