So gestrig war der Kirchentag

Neunmal schaffte es der Deutsche Evangelische Kirchentag im Laufe seiner Geschichte als Motiv auf eine Briefmarke der Deutschen Bundespost (der Katholikentag, by the way, genauso oft). Im Zeitalter der Philatelie kam dem Original noch eine immense Bedeutung zu. Doch die Netzkultur kennt keine Postwertzeichen, dem Original kommt kein Wert mehr zu. Die Zeiten des Wertesammelns und Archivierens sind vorbei, Tradition nachrangig. Der Wert solcher Feste liegt in der Vergegenwärtigung der Jetztzeit.

Fazit: So heutig war der Kirchentag lange nicht mehr. Der Lutherkult lief ins Leere, die vorwiegend jüngeren Besucher suchten lieber nach neuen sozialen Antworten für morgen. Die Debatten waren nachdenklich, von außerordentlich hohem Niveau, der Geist ernst, nüchtern, tolerant und freundlich. Kabarett war nicht gefragt, sämtliche albernen Klischees, die der Kirchentag selbst immer wieder zu repetieren geneigt ist, schienen in diesen Tagen überwunden. Der Kirchentag fand gewissermaßen zu seinem Original zurück. Das heißt: Er besann sich auf sein ursprüngliches Anliegen, Gesellschaft durch Verstehen zu verbessern. Wenn die Kirchentagsbesucher ein Abbild der Gesellschaft waren, braucht man um unsere Gesellschaft nicht bange zu sein.

Andreas Öhler

So kontrovers war der Kirchentag

Aktivistinnen, die sich in einen Bittgottesdienst für den Frieden abseilten, um gegen den Krieg im Allgemeinen und die sichtlich irritierte Ursula von der Leyen im Besonderen zu demonstrieren; die antifaschistische Kirche (ja, die gibt es wirklich), die die einzige Veranstaltung mit AfD-Beteiligung mit dem Singen von Pete Seegers "We shall overcome" zum Platzen bringen will – vergeblich; Henryk M. Broder, der auf Margot Käßmann losgeht, weil die etwas gesagt haben soll, was die nicht gesagt haben will, weshalb Käßmann überlegt, nun rechtlich auf Broder loszugehen, was dem sehr gelegen käme, so ruhig, wie es um den alten Krawallo in letzter Zeit geworden ist. Derweil gibt Möchtegern-Kanzler Martin Schulz Donald Trump kräftig eins mit. Hilft aber nicht: So beliebt wie der zu allem nur weise lächelnde Obama würde Schulz auch nicht, wenn er am Grabe Herbert Wehners den blonden Präsidenten-Skalp niederlegen würde.

Kurz: So viel wie dieses Jahr wurde sich das letzte Mal auf dem Kirchentag gekabbelt, als nichts gut war in Vietnam. Auch wenn die Kontroverse alles in allem seltsam beherrscht, um nicht zu sagen gebremst wirkte. Besonders deutlich wurde das bei Bischof Dröge. Der war, kurz bevor die antifaschistische Kirche ihren Protest in die Welt sang, sichtlich stolz, nie, nie, nie mit der ersten Garde der AfD auf eine Bühne zu gehen, was die AfD-Dame neben ihm verständlicherweise geknickt auf ihre Schuhe schauen ließ. Aber vielleicht steckt ja dahinter ein neues Kirchentagssystem: Lieber gezielte Nadelstiche als grobe Kelle, lieber besonnen und Dröge als beliebig und konturlos. Dem Publikum hat’s gefallen. Uns auch.

Raoul Löbbert

So spirituell war der Kirchentag

Auf den Stufen zum Reichstag offenbar ein Chor, offenbar Posaunen, offenbar ein Bischof. Man muss sich die Szene zu Füßen des Parlaments vorstellen, denn die Bühne ist sehr weit weg und die Videoleinwand ist verdeckt durch einen riesigen Busch, der aber nicht brennt und nicht spricht. Zum Eröffnungsgottesdienst erschallen Schlag 18 Uhr die Fanfaren, "Christ ist erstanden", dazu hängt ein aparter Hauch von Erbsensuppe und Bockwurst in der Luft. Pärchen in gleichfarbigen Fleecejacken liegen sich in den Armen. Aus dem benachbarten Tiergarten dröhnt parallel Musik, die man mangels einer politisch korrekten Alternative südosteuropäisch nennen muss. Trotz dieser ganzen Melange an Eindrücken schafft es ein Mädchen mit Zopf und Jeansjacke, konzentriert und zufrieden auf dem Rasen zu sitzen, ins Programm des Gottesdienstes vertieft. Wie sie das nur macht?

Der erste Eindruck des Protestantentreffens: Dieser Kirchentag ist ja so spirituell wie der 1. Mai. Outdoor-Spiritualität kann es nicht geben! Dann aber, im weiteren Verlauf des Gottesdienstes, trägt eine Frau vorne auf der Bühne fast beiläufig 1 Kor 13 vor, und 1 Kor 13 kann nicht mal Erbsensuppengeruch zerstören. Allein: Der Gedanke an Glaubeliebehoffnung tritt sich nicht richtig fest, denn hernach sagt die Vorleserin den fatalen Satz "Deine Augen sehen mich"; da guckt man dann bedröppelt auf das orangefarbene Kirchentagslogo, dieses ungut infantile, knopfäugige Starren, dem man schon seit Monaten ausgesetzt war. Und dann ist er wieder weg, der spirituelle Moment.

Christina Rietz