Halten wir fest: Das amerikanische Genrekino – vom Western über den Science-Fiction- bis zum Kriegsfilm – ist eine Männerangelegenheit. Bis heute hat kaum eine Frau die Macht über diese Dispositive aus schweren Jungs, schwerem Gerät und schweren Waffen übernommen. Tatsächlich war Kathryn Bigelow (Blue Steel, Strange Days, The Hurt Locker – Tödliches Kommando, Zero Dark Thirty) lange Zeit die einzige Regisseurin, deren Action- und Kriegsfilme Beachtung fanden. Dann lief auf den vergangenen Filmfestspielen von Venedig The Bad Batch von Ana Lily Amirpour, ein sehr brutaler, poppig überhöhter Science-Fiction-Film über eine junge Frau in einem Wüstengefängnis im Kampf gegen Kannibalen. Und nun – es scheint wirklich etwas in Bewegung zu kommen – gab es in diesem Cannes-Jahrgang des selbstgefälligen Kunstkinos den Auftritt von zwei Regisseurinnen, die zwei Filmgenres einem Perspektivwechsel unterziehen: Sofia Coppola mit ihrem historischen Kriegsdrama The Beguiled und Lynne Ramsay mit ihrem Film um einen einsamen Auftragskiller, You Were Never Really Here. Ramsay (ausgezeichnet für das beste Drehbuch) zeigt Joaquin Phoenix in der Rolle des Killers Joe, der die 13-jährige Tochter eines Politikers aus einem Kinderprostitutionsring befreien soll. In diesem Film hat Phoenix (Preis des besten Darstellers) eine bulldozerhafte Physis, die seine innere Versehrtheit dennoch nicht zu verpanzern vermag. Die langen Einstellungen, in denen Ramsays Kamera mitfühlend auf Joes Narben, seinen Schweiß, seine Erschöpfung blickt, stehen im Gegensatz zu den Szenen seiner brutalen Morde. Seine Morde begeht der Killer mit einem im Baumarkt gekauften Hammer. Das Werkzeug taugt in mehrerlei Hinsicht zum Abarbeiten: Kurze Rückblenden legen nahe, dass die brachiale Mordmethode mit einem Kindheitstrauma des Killers zusammenhängt.

Immer wieder lenkt Lynne Ramsey die Mechanik des Auftragskillerfilms in eine unvorhergesehene Richtung. Etwa indem sie Joes zärtliches Verhältnis zu seiner gebrechlichen Mutter zeigt. Oder indem sie die intuitive Verbindung aufscheinen lässt, die er zu dem missbrauchten Mädchen aufnimmt. Genau hier liegt ja die schöne Dialektik und Herausforderung des Genrekinos: aus vorgegebenen Motiven, narrativen Modulen und Mustern etwas Eigenes, Unberechenbares, Irritierendes zu fabrizieren. Störmomente einzubauen. Und eben hier liegt vielleicht auch eine Erklärung für die fast völlige Abwesenheit von Frauen in diesem Kinosegment: Das Genrekino erfordert eine gewisse kulturelle Unbekümmertheit, die Bereitschaft, mit als selbstverständlich hingenommenen Regeln und Mustern zu jonglieren. Für Frauen hingegen geht es wohl erst einmal darum, auf selbstverständliche Weise Filme machen zu können. Anders gesagt: Gutes Genrekino ist immer Dekonstruktion, für Regisseurinnen geht es nicht nur in der amerikanischen Filmindustrie aber zunächst einmal um Konstruktion.

In diese Industrie und ihre Geschichte wurde Sofia Coppola schon als Baby hineingeworfen. In Cannes stellte sie das Bürgerkriegsdrama The Beguiled vor, das Remake des 1971 entstandenen gleichnamigen Films des Genremeisters Don Siegel (Invasion der Körperfresser, Dirty Harry). Die Geschichte eines verletzten Soldaten der Konföderiertenarmee, der um 1864 Zuflucht in einem Mädchenpensionat der Südstaaten sucht, verschiebt Coppola (Regiepreis) in die Perspektive ihrer Heldinnen. Auf dem Anwesen mit den riesigen weißen Säulen versucht die souveräne Leiterin Mrs. Farnsworth (Nicole Kidman), ihre Schützlinge durch Lernen, Beten und Singen vom Krieg abzulenken – und von der Faszination, die von dem ungebetenen Gast ausgeht. Im Original spielt Clint Eastwood den Soldaten, seine Männlichkeit erfüllt das Anwesen vom Keller bis zur Decke. In Coppolas Film hingegen reicht Colin Farrells Ausstrahlung kaum über das Krankenbett hinaus. So entsteht die Anziehungskraft des Mannes durch den begehrenden Blick der zwischen zehn und fünfzig Jahre alten weiblichen Figuren. Prüderie schlägt um in verhaltene Frivolität und später in offenes Verlangen. Sittsamkeit verwandelt sich in fein beobachtete Rangkämpfe. Einmal filmt Coppola ein prachtvolles Spinnennetz inmitten der wuchernden Natur des amerikanischen Südens. Ist der Soldat die Spinne im Netz? Oder ist er das Insekt, das noch nicht weiß, dass es gefangen wurde?

Nicole Kidman erhielt den "Geburtstagspreis" der 70. Festivalausgabe. Sie erhielt ihn wohl auch für ihr minimalistisches Spiel in dem Film The Killing of a Sacred Deer des Griechen Giorgos Lanthimos. Fast unmerklich verwandelt sie sich hier von der liebenden Mutter in eine Frau, die, gleich einer antiken Figur, bereit ist, ihren Sohn zu opfern. Kidmans Blick und Körperhaltung bleiben gleich, doch man erschauert vor den Gedanken, die sich dahinter verbergen. Eine Schauspielerin verleiht einem penetrant stilisierten Horrorfilm mit ihrem Anti-Spiel wahre Unheimlichkeit. Und eine andere Schauspielerin rettet ein Drama durch ihre entdramatisierende Darstellung.

In Fatih Akins Film Aus dem Nichts spielt Diane Kruger eine Frau, die bei einem rechtsradikalen Terroranschlag ihren kurdischen Mann und ihren kleinen Sohn verliert. Aus dem Nichts besteht aus drei Teilen: dem Anschlag sowie den Folgen, einem Gerichtsprozess und einer Vergeltung. Zusammengehalten werden die Ton- und Tempowechsel von Diane Kruger (Preis der besten Darstellerin). Der Verlust, den ihre Figur erlitten hat, muss nicht zum Dialog, nicht zur Geste, nicht zu Tränen werden. Er ist immer da. Die Goldene Palme der 70. Filmfestspiele ging an den schwedischen Film The Square von Ruben Östlund (ZEIT Nr. 22/17). Es ist die Geschichte eines Museumskurators, der sich in der Dekadenz und Selbstbezüglichkeit des Kunstbetriebs verliert und dann mit der Wirklichkeit konfrontiert wird. The Square war eine der vielen zivilisationskritischen Versuchsanordnungen des Festivals, die mit handwerklicher und visueller Souveränität um eine gewisse inhaltliche Leere kreisten. Der gut aussehende Kurator Christian schlittert von einem Missgeschick und einem Kommunikations-GAU zum nächsten – bis zu seiner moralischen Läuterung. Umgeben ist er von Frauenfiguren, die einen Reigen der Klischees ergeben: die neurotische Geliebte, die überforderte Mitarbeiterin, die blasierte Museumschefin, die grantige Bettlerin, die nervige Ex-Frau. Und auch wenn The Square viele Fragen aufwirft, kann man doch noch die Frage stellen, warum das so sein muss.

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