Wenn Niccolò Ridolfi erklären möchte, worauf es ihm im Leben ankommt, geht er in seine Garage. Dort steht ein glänzend roter anderthalb Meter langer Maserati, den er seiner Tochter von einer Reise mitgebracht hat. Mit dem Spielzeugauto gibt es nur ein Problem: Die Seitenstangen und das Lenkrad sind aus Aluminium. Nicht hinnehmbar für einen Ridolfi. Also hat er einen Handwerker damit beauftragt, die Teile neu anzufertigen. Ob das Lenkrad aus Holz, Leder oder Metall sein und in welcher Form es gebaut werden soll, darüber kann seine siebenjährige Tochter selbst bestimmen. Ridolfi tätschelt die Karosserie. Dann sagt er: "Ich möchte ihr ein Gespür dafür vermitteln, was es heißt, ein Florentiner zu sein. Damit meine ich, dass wir mit Gefühl, Intelligenz und Fantasie etwas schaffen können, das einzigartig ist – und Bestand hat."

Um das Thema Beständigkeit drehen sich die großen Fragen in Florenz. Beständigkeit schafft Identität, und etwas, das beständig ist, kann nicht substanzlos sein. Das Problem ist nur: Alles, was lange Bestand hat, verhindert auch, dass sich an gleicher Stelle etwas Neues entwickeln kann. Beständigkeit kann zur Starre führen.

Zwei Banca-d’Italia-Ökonomen behaupten, dass in der toskanischen Hauptstadt so eine Starre eingetreten sei. Dort habe sich das Versprechen der Moderne nicht erfüllt: Die Vorstellung, dass der Mensch über seinen beruflichen Erfolg selbst entscheidet, emporklettern und fallen kann, blieb in Florenz in den vergangenen 600 Jahren eine Illusion. Das ist das Ergebnis einer Studie von Guglielmo Barone und Sauro Mocetti, die Einkommensstatistiken von 1427 und 2011 verglichen haben. Sie fanden heraus, dass eine signifikante Anzahl derjenigen, die in der Renaissance die reichsten Florentiner waren, heute immer noch zu den wohlhabendsten Familien der Stadt gehören – und die armen Familien aus dem 15. Jahrhundert heute wie damals ein geringes Einkommen haben. Das Beispiel von Florenz zeigt, dass eine Gesellschaft sich genau damit, mit dieser Starre, sehr gut einrichten kann; doch es zeigt auch, was passiert, wenn eine Stadt von ihren Traditionen und Bräuchen lange gut leben kann: Die Dringlichkeit, Traditionen immer wieder weiterentwickeln zu müssen, geht verloren. Eine Stadt verkommt zum Erbverwalter.

Ein paar regionale Besonderheiten deuten außerdem darauf hin, dass die Florentiner ihr Vermögen nicht gerade in einer wilden Nacht verschleudern: Die Prestigeimmobilie der Oberschicht ist in Italien nicht wie in England oder Frankreich das Landhaus, sondern der Palazzo, der Stadtpalast. In keiner anderen italienischen Stadt bewohnen mehr Familien über Jahrhunderte ihren Palazzo als in der toskanischen Hauptstadt. Der Wirtschaftshistoriker Richard Goldthwaite schätzt, dass ungefähr 20 Renaissance-Paläste von den Familien bewohnt werden, die sie einst haben errichten lassen. Dazu kommt, dass von den zehn ältesten noch aktiven Familienunternehmen der Welt drei aus Florenz stammen.

Der Konflikt, der die Florentiner umtreibt, dürfte vielen Europäern bekannt vorkommen. Wie können sich die Stadt und das Land erneuern und dabei ihre Kultur und Tradition bewahren? Die Formel beschreibt der Autor Giuseppe Tomasi di Lampedusa im Roman Il Gattopardo so: "Alles muss sich verändern, damit alles so bleibt, wie es ist."

Der Aristokrat

Normalerweise wohnten sie im historischen Zentrum von Florenz, entschuldigt Anna Ridolfi den ganzen Kram, der im Flur liegt, aber dort gäbe es ein Problem mit dem Heizsystem. Deshalb überwintern sie in ihrer Villa auf einem Hügel, zehn Autominuten vom Zentrum entfernt. Seit Jahrhunderten baut die Familie hinter der Villa Oliven und Wein an. Das Anwesen sei wohl seit dem 17. Jahrhundert im Besitz der Familie, mutmaßt der Marchese Niccolò Ridolfi. Marchese ist ein Adelstitel, der im Deutschen mit Markgraf übersetzt wird, und in Florenz häufiger vorkommt, da die Großherzöge der Medici den Titel großzügig verteilten. Der Einrichtung nach zu urteilen, wurde hier auch seit ein paar Jahrhunderten nichts mehr verschoben oder abgehängt. Im Zentrum des Salons sind himbeerrote Samtsofas platziert, dahinter hängt ein rosa Vorhang mit dem Familienwappen. Zwei Celli stehen auf einem Teppich. Das Esszimmer sieht aus wie auf einem Renaissance-Gemälde: schwere Vorhänge, ein antiker Kronleuchter, ein massiver Holztisch, auf dessen Tischbeine das Familienwappen geschnitzt wurde. Darauf steht ein Teller mit Resten der letzten Mahlzeit: Fleisch und Möhren.

Niccolò Ridolfis schmale Krawatte, die eng anliegende Hose und das Jackett, alles in Dunkelblau, passen zu seiner drahtigen Figur. Die Haare sind kurz und wuschelig. Dazu trägt er schwarze Oxford-Schuhe, Wholecuts, bei denen der Schaft nur aus einem Stück Leder besteht. Ridolfi ist Ende 30, er lebt als Privatier, kümmert sich um die Häuser, die er geerbt hat. Außerdem fotografiert er historische Münzen. Sein Großvater war ein berühmter Historiker, sein Großonkel gründete den AC Florenz mit. Er stammt direkt von Lorenzo de’ Medici ab. Dessen Tochter heiratete einen Ridolfi. Im Jahre 1550 stand ihr Sohn kurz davor, Papst zu werden. Leider wurde er dann vergiftet, erzählt der Marchese, als er bei einem Rundgang durch das Erdgeschoss an dessen Porträt vorbeigeht.