Hanna Jacobs, 28, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Auch junge Vikarinnen brauchen mal einen freien Tag. Aber ich bin nicht gut im Neinsagen. Also schrieb ich "Kirchwistedt 19 Uhr" in meinen Terminkalender – ein Termin, der bisher in einem anderen Kalender gestanden hatte – und eine Telefonnummer daneben.

Früher haben die Glocken der Johannes-der- Täufer-Kirche jeden Sonntag zum Gottesdienst geläutet, bis eine Umstrukturierung kam. Da waren’s nur noch drei Mal. Aber die Kirchwistedter wollten den vierten Sonntag im Monat nicht einfach aufgeben. Und so taten sich fünf charmante und patente Damen zusammen und konzipierten einen Abendgottesdienst. Eine von ihnen hatte ich am Telefon, als ich die Nummer in meinem Kalender wählte. Ich bräuchte nur eine Predigt mitbringen, das sei alles. Man freue sich schon auf mich.

Es war einer der ersten Frühlingstage. Ich war früh dran und dachte mir, dass ich vielleicht noch irgendwo eine Kugel Eis in der Sonne würde essen können. Die Fahrt führte mich 29 Kilometer durch Alleen, an weiten Feldern vorbei und über viele Dörfer, doch keins war groß genug für ein Café oder gar eine Eisdiele. Als ich ankam, stand die Tür zum Gemeindehaus offen. Die Stimmung drinnen erinnerte mich an Geburtstagsvorbereitungen: Hier gab es noch etwas zu tun, dort setzten sich schon einige oder unterhielten sich im Gang. Es duftete nach Kaffee, und auf den Tischen standen frische Blumen. So viel heitere Gastlichkeit. Der kleine Raum füllte sich. Es kamen knapp 40 Leute: Konfirmandinnen, ein junger Syrer, Omas und Männer in Lederjacke. Bestimmt waren viele von ihnen irgendwie miteinander verwandt. Zählt man die umliegenden Dörfer nicht mit, hat Kirchwistedt etwa 460 Einwohner. Wenn die eigene Nachbarin, Schwester oder Kollegin sich so engagiert, kommt man gleich doppelt so gerne, dachte ich.

Ich saß neben der Gitarristin mit der glockenklaren Stimme, wir teilten uns einen Ablaufzettel, handgeschrieben auf Karopapier. Die fünf Frauen, überwiegend um die 50, hatten für alles gesorgt: die Begrüßung, Gebete, Lieder. Überhaupt wird die Kirche, ja die ganze Welt, von Frauen mittleren Alters am Laufen gehalten. Sie kamen bestens ohne Pastorin zurecht, zumindest am vierten Sonntag im Monat. Ich bin mir sicher, sie hätten sich auch ohne mein Predigen und Segnen zu helfen gewusst. Noch schöner, als gebraucht zu werden, ist es, nicht händeringend gebraucht zu werden. Besonders in der Kirche.

Und schließlich wandte sich eine der fünf zu mir und sagte: "Ich glaube, wir sind verwandt!" Da ich keine Erfahrung mit solchen Sätzen hatte, guckte ich sie erstaunt an. Ich hielt meine Verwandtschaft immer für recht überschaubar. Es stellte sich heraus, dass ihre Mutter und meine verstorbene Großmutter Cousinen waren. Das machte uns zu Cousinen dritten Grades, wenn man das so nennt? Plötzlich war auch ich verwandt mit den engagierten Kirchwistedterinnen. Wie gut, dass es diesmal mit dem Neinsagen nicht geklappt hatte.