Achtung, Konzentration! – Seite 1

Ausgerechnet Chicago. Ausgerechnet von der Hochschule, die den Neoliberalismus in die Welt getragen hat, kommt ein historischer Weckruf. Jahrzehntelang behaupteten die Professoren dort, es sei kein Problem, wenn einzelne Unternehmen besonders groß werden und Märkte beherrschen. Schließlich lebten sie in der dauernden Gefahr, von Newcomern verdrängt zu werden.

Wirklich? Jüngere Forscher an der Hochschule von Freiheitsikonen wie Milton Friedman und Gary Becker organisierten im April eine dreitägige Konferenz zu einer einzigen Frage: "Hat Amerika ein Konzentrationsproblem?" Und viele der Referenten antworteten mit einem einzigen Wort: "Ja!"

Von Amerika aus entwickelt sich ein neuer Konsens unter Ökonomen, der für alle Industrieländer gilt: Die Konzentration ist mittlerweile so weit vorangeschritten, dass sie den Wettbewerb schwächt. Das ist eine schlechte Nachricht. Wenn der Konkurrenzdruck zurückgeht, müssen dominante Firmen nicht mehr so innovativ sein wie früher. Sie können Gewinne horten, statt sie gleich wieder zu investieren, und deshalb schaffen sie auch weniger Arbeitsplätze als möglich.

Schon länger ist bekannt, dass einzelne Branchen wie riesige Magneten große Teile des volkswirtschaftlichen Gewinns an sich ziehen. In den USA erzielt die Finanzindustrie mit nur vier Prozent aller Beschäftigten rund ein Viertel aller Profite. Ansonsten sind es vor allem die Internetkonzerne, die überdimensionierte Gewinne machen.

Insgesamt führt das dazu, dass die profitabelsten zehn Prozent der amerikanischen Unternehmen heute geschätzt achtmal so gewinnträchtig sind wie eine Firma im Mittelfeld. Innerhalb von 20 Jahren hat sich der Vorsprung gegenüber dem Rest damit beinahe verdreifacht. Auch in Deutschland wächst der Abstand. Die Konzerne aus der Exportindustrie eilen von einem Rekordergebnis zum anderen, und der wertvollste Dax-Konzern SAP ist ein Softwareriese, der mithilfe künstlicher Intelligenz gerade zu neuen Gewinnsprüngen ansetzt.

"Es ist immer vorteilhafter geworden, der Platzhirsch zu sein", resümieren Forscher vom Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT, den Stand der Dinge. Wer hat, dem wird gegeben. Und bei diesen Gewinnern können Spitzenkräfte auch besonders gut verdienen. Eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit sagte schon vor drei Jahren: Es sind vor allem die Gehaltsunterschiede zwischen den Unternehmen und nicht etwa innerhalb der Unternehmen, die dafür sorgen, dass sich die Arbeitseinkommen auseinanderentwickeln.

Nutzer gehen dorthin, wo schon viele Nutzer sind. Also ballt sich die Macht

Das galt für Amerika, doch die Dynamik ist überall am Werk. Sosehr sich die Öffentlichkeit über explodierende Chefgehälter aufregt, sind sie doch eher ein Symbol für Ungleichheit als die Hauptursache. Die liegt im Marktgeschehen selbst, das die Wirtschaft auseinanderzieht wie ein Akkordeon beim Luftholen.

Aber warum jetzt? Warum reißen die Marktführer heute immer mehr Macht an sich, sodass sich selbst freiheitsliebende Forscher in Chicago Sorgen machen?

Auch die klassische Wirtschaft arbeitet heute übers Internet

Ökonomen links und rechts bieten eine Antwort: Schuld ist der Netzwerkeffekt. In Reinkultur ist er bei den Internetunternehmen zu sehen. Nutzer gehen dahin, wo schon viele Nutzer sind – und verbessern dadurch noch das Angebot. Googles Suchmaschine lernt mit jeder gestellten Frage dazu, und Facebooks Gemeinschaft wird mit jedem Mitglied wertvoller. Größe ist also automatisch anziehend und schafft mehr Größe.

Auch die klassische Wirtschaft arbeitet heute übers Internet, vernetzt sich mit Kunden und Lieferanten, entwickelt mithilfe von Algorithmen verbesserte Produkte. Logistiker wie Amazon und Autounternehmen wie Tesla laufen vorneweg und verändern auf diese Weise ganze Branchen, selbst mittelständische Maschinenbauer schließen sich dem Trend an. Das heißt: Der Netzwerkeffekt ist überall, und wenn nichts getan wird, geht die Konzentration weiter.

Zeit für die Staaten, dem Wettbewerb wieder zu seinem Recht zu verhelfen und sich allzu machtvollen Unternehmen und ihren Lobbytruppen entgegenzustemmen. Schon wird wieder wie in der Debatte um die "Multis" vor 20 Jahren ein globales Aufsichtssystem gefordert. Bloß wollen große Länder wie die Vereinigten Staaten oder Russland sich partout nicht hineinreden lassen, wie sie ihre Konzerne behandeln. Die Idee ist deshalb tot.

Längst aber lernen 130 Nationen im "Internationalen Wettbewerbsnetzwerk" voneinander, wie sie künftig übermäßige Marktmacht erkennen und unterbinden können. Dort gilt eine deutsche Organisation als besonders innovativ, von der man das nicht vermutet hätte: das Bundeskartellamt.

Die Behörde mit Hauptsitz im beschaulichen Bonn ist zum Experimentallabor mutiert. Ihr Chef Andreas Mundt hat früh erkannt: Der Staat muss sich etwas einfallen lassen, um die Wettbewerbsordnung zu verteidigen. Früher haben seine Beamten nach Umsatz oder Marktanteil beurteilt, ob ein Unternehmen mächtig ist. Doch was heißt das heute?

Im Jahr 2012 kaufte Facebook das Foto-Netzwerk Instagram für eine Milliarde Dollar. Da war die Firma zwei Jahre alt und erzielte mit ihren zwölf Mitarbeitern keinen nennenswerten Umsatz. Trotzdem ballte sich mit dem Kauf erhebliche Macht zusammen, denn Instagram hatte schon 30 Millionen Mitglieder. Zwei Jahre später ging ein ähnliches Spiel mit dem Messenger-Dienst WhatsApp los, für den Facebook rund 20 Milliarden Dollar bezahlte.

Also schuf Mundt vor fast vier Jahren im eigenen Haus einen Thinktank mit Leuten, die sich mit Netzwerken auskennen. Sie sollten nicht bloß den "intellektuellen Grund" für die Auseinandersetzung mit der Digitalwirtschaft bereiten, wie der Amtschef erzählt, sondern auch eine Gesetzesreform vorbereiten und "in konkreten Fällen anwenden, was wir entwickelt haben". Mit ihren neuen Methoden prüften die Pioniere Klauseln von Internetverkäufern wie Amazon, die Anbietern vorschreiben, nirgends billiger zu sein als bei ihnen. Sie untersuchten die Fusion von Immowelt und Immonet. Und sie legten sich mit Facebook wegen des Verdachts an, der Konzern drücke laxe Nutzungsbedingungen zu seinen Gunsten durch.

Jetzt liegen weltweit einmalige Kartellparagrafen zur Unterschrift beim Bundespräsidenten, in denen lauter merkwürdige Begriffe aus der Internetwelt vorkommen. Bald können die Beamten, gestützt durch das Recht, auch Start-ups ohne Umsatz prüfen und sie nach ihrem Potenzial beurteilen. "Früher hieß es: Wo kein Geld fließt, ist kein Markt, also wird auch das Kartellrecht nicht angewendet. Das ist vorbei", sagt Andreas Mundt. Und doch ist das erst der Anfang eines großen Ringens.

Mehr für die Kapitalanleger, weniger für die Arbeiter

Gerungen wird nicht bloß mit Apple und Co. Deren Nutzerdaten sind in gewisser Weise noch harmlos. Auch wenn die Konzerne sie schon gesammelt haben, sind sie leicht zu reproduzieren und lassen sich in der Regel auch anderswo kaufen. Bei Daten aus den Weiten der vernetzten Industrie sei das schwieriger, erläutert der Kartellamtschef. Nicht nur müssten mittelständische Firmen sie oft mühsam erheben, sie stellten auch Geschäftsgeheimnisse dar. Es ist also gefährlich, wenn eine Plattform sie in großer Menge an sich zieht.

Verantwortlich für die Schieflage: Die "Ökonomie der Superstars"

Mundt weiß um das Epochale der Aufgabe, die sich immer weiter ausdehnt. "Die ganze Wirtschaft ist digital", sagt er zum Schluss – "die Frage ist nur, in welchem Maße."

Manchmal kommen die Gefahren für den Wettbewerb von außen, zum Beispiel wenn in China zwei Zughersteller zur weltweiten Nummer eins fusionieren, ohne dass dies groß geprüft wird. Darunter hat dann eventuell der deutsche Konkurrent Siemens Mobility zu leiden. Doch die größte Gefahr kommt aus dem Inneren des Kapitalismus, von Märkten, die sich selbst infrage stellen, weil die Macht dort ganz schnell mehr Macht gebiert.

Das kostet auf Dauer nicht nur ein bisschen Wohlstand, es bringt die Gesellschaft in ernsthafte Schieflagen. Der MIT-Ökonom David Autor macht die "Ökonomie der Superstars" dafür verantwortlich. Bekannt ist die Idee der Star-Wirtschaft, wobei es darum geht, dass herausragende Personen immer höhere Honorare einstreichen können. Sporthelden zum Beispiel oder auch Konzernchefs kassieren immer mehr.

Bei Unternehmen geht es anscheinend ähnlich zu, und zwar weltweit. David Autor und seine Mitstreiter durchkämmten vertrauliche Finanzdaten von Hunderten Unternehmen. Ihr Ergebnis: In den meisten Branchen wächst die Konzentration. Eine kleine Zahl von Star-Firmen erobert immer mehr Marktanteile und verdient für die Eigentümer besonders hohe Profite, während der Arbeitsanteil an ihrer Wertschöpfung sinkt. Sie kommen also mit weniger Arbeit aus als kleinere Konkurrenten.

Mehr für die Kapitalanleger, weniger für die Arbeiter: Spätestens damit kriegt die neue Konzentration eine soziale Bedeutung. Sie teilt die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer und treibt so die Ungleichheit auf höhere Niveaus. Dadurch geschieht etwas Neues. Das Ringen mit den Riesen ist nicht mehr nur ein Thema für Spezialisten im Kartellamt, sondern eine Frage der Gerechtigkeit.

Den Deutschen ist das nicht fremd. Die Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, die sogenannten Ordoliberalen, wussten schon, dass die Wettbewerbskontrolle und der Sozialstaat zur Ordnung gehören, ohne die sich Märkte selbst schaden. 70 Jahre später bedrohen die Monopole wieder den Wohlstand für alle, während Populisten es auszunutzen versuchen, dass sich selbst in der boomenden deutschen Volkswirtschaft viele Menschen abgehängt fühlen. Was mehr braucht die große Politik, um die Monopole zu ihrem Thema zu machen?

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