Nur wenige hätten es überhaupt bemerkt. Das Kreuz wäre ein Kreuz gewesen wie andere auch, ein Allerweltszeichen im Himmel über Berlin, das kaum jemand wahrnimmt. Erst als manche herzhaft protestierten, als sie erklärten, das christliche Emblem habe dort oben nichts zu suchen, nicht auf der Kuppel des Humboldt Forums, das doch ein Museum sein wird und der Völkerverständigung dienen soll, erst in diesem Moment der Widerworte wandelte sich der Blick. Was bis eben als dekorativer Bauschmuck galt, erscheint jetzt wie ein heikles Nationalsymbol. Und in der Debatte hört es sich an, als müsse an diesem Kreuz entschieden werden, wer wir, die Deutschen, eigentlich sind und sein wollen (ZEIT Nr. 22/17).

Das geschichtspolitische Dilemma ist jedenfalls beträchtlich. Auch bislang wusste ja niemand recht, wozu das monströs teure und bald schon vollendete Staatsschloss gut sein soll. Anfangs gab es viel Streit um rekonstruierte Barockfassaden und fehlende Konzepte. Mit der Zeit aber gewöhnten sich viele daran, so wie sie sich an Cola ohne Koffein und Yoga ohne Buddhismus gewöhnten. Sollten die Deutschen doch eine Residenz ohne König errichten, auch ohne Kapelle, dafür mit Südseebooten und Indianermasken und einem Kreuz obendrüber. Die Zeichen schienen nichts mehr zu bezeichnen.

Seltsamerweise störte diese Art von Sinnentleerung selbst die Befürworter des Humboldt Forums nicht. Es gehe ja, sagten sie, nur um Ästhetik, um ein barockes Lifting ohne ideologische Hintergedanken. Entsprechend tun auch jetzt viele so, als handele es sich bei dem Kreuz nicht um ein christliches Symbol, sondern bloß um eine bedeutungsneutrale Ausschmückung des Stadtraums. Johannes Wien, der Chef der Stiftung Humboldt Forum, sagt, man wolle "der Stadt diesen Glanzpunkt zurückgeben". Als zähle bloß das goldschöne Glitzern.

Einer ähnlichen Entleerung reden die Intendanten das Wort: "Das Kreuz muss wie die preußischen Adler an den Fassaden betrachtet werden, die keinen militärischen Bezug mehr bieten. Das sind Aspekte einer historischen Rekonstruktion, die somit ihrer Funktion enthoben sind", sagten sie der Berliner Zeitung. Erst "das Weglassen des Kreuzes wird dieses religiös politisieren". Soll heißen: Nichts bedeutet alles, ansonsten heißt alles nichts.

Im Kern handelt es sich um einen schweren Fall von geistiger Drückebergerei. Natürlich ist es kein irgendwie bedeutungsreiner Zufall, dass die barocken Flügel des Schlosses ein halbes Jahrhundert nach ihrer Zerstörung rekonstruiert werden. Hier ist nicht irgendein Privatmann am Werk, hier ist es der Staat, der bauend sein Selbstverständnis entwirft. Dieses Selbstverständnis muss bei allen ästhetischen Nebeneffekten auch politisch verstanden werden, erst recht hier auf dem Schlossplatz, wo der bundesdeutsche Staat erst die Relikte der DDR abräumte, den Palast der Republik, um eine andere, wichtigere Epoche baulich auferstehen zu lassen. Es war somit ein Akt der Geschichtsbegradigung. "Ulbricht darf nicht das letzte Wort in Berlin haben an dieser Stelle", das sagten in den Rekonstruktionsdebatten viele, auch Peter Ramsauer, einst Bundesbauminister.

Wem aber wird nun im neuen Schloss das Wort erteilt? Wessen Geschichte darf gelten? Im Fall des Kreuzes ist es eine Geschichte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die barocke Residenz zusätzlich monumentalisiert werden sollte – in einem Akt monarchischer Selbstfeier. Weil damals in Deutschland eine bürgerliche Revolution losbrach, "ließ Friedrich Wilhelm IV. eine große, neue Kapelle bauen, die sein Gottesgnadentum betonen sollte, und diese Kapelle mit einer großen Kuppel das Schloss und die Stadt überragen", schreibt der Historiker Goerd Peschken. Das Bauwerk demonstrierte, dass der König seine Macht niemand anderem verdanke als dem Schöpfer. Die demokratischen Streiter sollten schön stille sein.

Für die heutige Debatte heißt das: Wer gegen das Kreuz ist, weil er darin ein Zeichen christlicher Dominanz erblickt, muss erst recht für den Abriss der Kuppel plädieren. Das eine ist ohne die andere nicht zu denken. Wer aber für das Kreuz eintritt, wird nicht umhinkommen, es nicht allein als Zeichen "der frohen Botschaft" zu deuten, wie der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch. Er muss ebenso von der Geschichte dahinter erzählen. Die Kuppel enthält eine freiheitsfeindliche Botschaft, sie kündet davon, wie sich Thron und Altar gegen ein demokratisch gesinntes Bürgertum vereinten.

Warum das bislang unterschlagen wird? Das Humboldt Forum sei "nur glaubwürdig, wenn wir uns unserer eigenen Wurzeln bewusst sind und sie auch zeigen", sagt Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, und scheint mit diesem beschwörerischen "uns" auch jene Kräfte zu meinen, die "wir" glücklicherweise los sind, gerade in Zeiten, in denen Religion und Politik in manchen Weltregionen machtvoll neu verschmelzen. Die Identität, von der Grütters spricht, kann nur eine in sich widersprüchliche sein. Und wer die Barockfassaden, die Kuppel und das Kreuz gutheißt, wird sie stets auch als eine besondere Form von Souveränität verstehen müssen: als Zeichen dafür, dass die Republik selbst den froh überwundenen Kapiteln ihrer Geschichte breiten Raum gibt.

Bislang jedoch war die Debatte für das Humboldt Forum und seinen Oberintendanten Neil MacGregor ein intellektuelles Debakel. Statt offensiv mit der eigenen, verqueren Geschichte umzugehen, verlegt man sich auf Vereitelungsstrategien. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Rat- und Hilflosigkeit eine innere Schwäche, eine schwere Konzeptarmut entspricht. Eigentlich lebt ein Museum davon, in allem und jedem einen tieferen Sinn zu entdecken. Hier jedoch, am und im Humboldt Forum, herrscht Deutungsscheu. Das ist die eigentliche, die bittere Pointe der Kreuzdiskussion.