An der Hauptstraße von Hammonton steht eine Bronzetafel. Die Kleinstadt im Bundesstaat New Jersey hat sie zum Gedenken an den Besuch von Präsident Ronald Reagan aufgestellt. Das war 1984. Kellyanne Conway war 17 Jahre alt und nach eigenem Bekunden eine begeisterte Zuhörerin. Danach, so Conway, sei ihr klar gewesen, dass sie in die Politik wolle.

Heute heißt der Präsident Donald Trump. Und das hat ganz entscheidend mit Conway zu tun. Auch sie hat am 8. November Geschichte geschrieben: als erste Frau, die eine erfolgreiche Präsidentschaftskampagne anführte. Es ist wohl vor allem Conway zu verdanken, dass 53 Prozent der weißen Wählerinnen für Trump stimmten. Als im Wahlkampf Aufnahmen auftauchten, die Trumps verbale Ausfälle gegen Frauen öffentlich machten, verteidigte Conway ihren Kandidaten aggressiv. "Ohne Kellyanne hätten wir das nicht überlebt", sagte später Steve Bannon, heute Trumps Chefstratege und wegen seiner nationalistischen und rechten Ansichten extrem umstritten.

Auch Conway gehört heute zu den engen Beratern des Präsidenten. Auch sie ist äußerst umstritten. Kurz nach der Amtseinführung von Trump wurde sie gefragt, wieso das Weiße Haus einen Besucherrekord der Veranstaltung meldete, wenn doch Fernsehbilder das Gegenteil bewiesen. Das sei keine Falschmeldung, gab Conway zurück. "Wir präsentieren lediglich alternative Fakten."

Im Fernsehen forderte Conway: "Los, kauft Ivankas Sachen"

Für Trumps Gegner fasst die Erfindung "alternativer Fakten" den zynischen Umgang der neuen Regierung mit der Wahrheit zusammen. Seinen Anhängern bot Conway dagegen eine Interpretation der Amtseinführung, in der ihr Präsident gut abschneidet. Seither hat die 50-Jährige eine Menge weiterer "alternativer Fakten" geschaffen (siehe Kasten).

"Trumps weiblicher Doppelgänger", wie sie das New York Magazine nannte, fasziniert und provoziert wie er selbst. Nachdem die Kaufhauskette Nordstrom Ivanka Trumps Kollektion wegen angeblich schwacher Verkaufszahlen abbestellt hatte, forderte Conway im Fernsehen: "Los, kauft Ivankas Sachen." Das trug ihr eine Untersuchung des Ethikrates des Weißen Hauses ein. Aber egal wie harsch sie angegangen wird, Conway bleibt gelassen. Sie habe "Eis in den Venen", kommentierte die New York Times, sonst nicht gerade für blumige Formulierungen bekannt.

Wer ist diese Frau? Was macht sie so erfolgreich? Ein Interview mit der ZEIT lehnte Conway ab. Um ihr dennoch nahe zu kommen, kann man aber dort hinfahren, wo sie aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. An jene Orte, die sie geprägt haben.

Im Süden von New Jersey liegt Atco, das Heimatdorf von Conway. Es besteht nur aus ein paar verstreuten Häusern entlang der Landstraße. Das Haus, in dem ihre Mutter noch immer lebt, ist ein flacher beiger Bau im Stil einer amerikanischen Ranch. Die sandsteingemauerte Auffahrt mit den zwei Kutscherlaternen will nicht recht dazu passen. Im Löwenzahn steckt ein Schild, auf dem steht: "Gott schütze Amerika". Daneben, am Straßenrand, ein Verkaufsstand, den die Familie seit Jahrzehnten betrieben hat. Zu kaufen gibt es dort heute nichts mehr, aber der Cateringservice Mama D’s, der Conways Tante gehört, liefert laut dem Werbeschild auf Bestellung "Ravioli, Suppen, Kuchen".