Dreimal hob das Kind während des Eröffnungsgottesdienstes auf dem Gendarmenmarkt die Hand, und dreimal habe ich mich dabei ein wenig erschrocken. Immer wieder dachte ich, wie leicht das Kind doch zu sagen bereit ist, wer es ist. Beim ersten Mal hatte Katrin Göring-Eckardt, die Präsidentin des Kirchentages 2011 in Dresden, die Menschen von der Bühne herunter gefragt, wer denn von ihnen aus Berlin käme? Da hob das Kind natürlich die Hand, grüßte und wurde also auch begrüßt. Es ist der einzige wirkliche Berliner in der Familie und lässt sich diesen Vorsprung um keinen Preis der Welt nehmen. Dann wollte sie wissen, wer in der Schule denn als der Klassenkasper galt? Da hob das Kind, das bald zehn Jahre alt werden will, wieder die Hand, riss den Kopf in den Nacken und lachte laut. Und schließlich wollte Göring-Eckardt noch wissen, wer denn von den Kirchentagsbesuchern eigentlich ein Katholik sei?

Da hob das Kind zum dritten Mal die Hand. Dieses Mal hob es sie ganz hoch. Es wollte als ein anderer erkannt werden, fürchtete sich nicht. Einmal, das ist schon eine Weile her und wir liefen gerade an der großen Synagoge im Prenzlauer Berg vorbei, fragte es mich, ob ich anders sei als es selbst und Papa, weil beide doch gemeinsam in eine katholische Kirche gingen und ich nur in eine protestantische. Protestantisch freilich sagte es nicht, aber ich wusste, was es meinte. Nein, sagte ich erst und tat entrüstet, vielleicht ein bisschen, schob ich dann leiser hinterher.

Auf dem Gendarmenmarkt aber dachte ich, wenn Katrin Göring-Eckardt jetzt noch fragen würde, wer denn hier fest an Gott glaubte – eine Frage freilich, die sich auf einem Kirchentag so direkt nicht stellt –, dann hätte das Kind ebenfalls, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, die Hand gehoben. So einfach ist das, wenn man Kind ist. Und Martin Luther, von dem wir wissen, dass er sich mit der Frage nach seinem Glauben immer ziemlich gequält hat, hätte es wahrscheinlich darum beneidet.

So etwas passiert, wenn man mit einem Kind auf den Kirchentag geht. Die großen Fragen fallen in die kleinen, ohne dass man es merkt, von einer Sekunde auf die andere. Aber was sieht man noch? Passiert überhaupt etwas? Und: Was erlebt man? Zumal in jener Stadt, in der man, wie gesagt, zu Hause ist und an der das Kind nun wirklich nichts Aufregendes finden kann. Auf dem Reichstag ist es schon gewesen, das Brandenburger Tor kennt es, und wenn es durch die Fenster in seinem Klassenzimmer nach draußen blickt, sieht es jeden Tag den Fernsehturm. Noch dazu, wenn das Kind längst eigentlich eine Art Kirchentagsprofi ist, weil es im vergangenen Jahr bereits mit Papa auf dem Katholikentag in Leipzig gewesen ist und das grüne Tuch, das es damals wie heuer das orangefarbene gab, noch immer und ganz ohne Scham lieber trägt als manch anderen Schal. Also: mit den Augen des Kindes den Glauben sehen. Oder genauer gesagt: durch die Augen des Kindes, das nun auch einmal ein Reporter sein darf und stolz einen Presseausweis um den Hals trägt, den Glauben sehen. In Klammern: Auf so eine Idee können freilich nur Erwachsene kommen.

Vom Gendarmenmarkt fahren wir dann – nicht ohne vorher noch schnell Pommes gegessen zu haben, denn wenn die Augen des Kindes eines überall sehen, dann sind das natürlich Pommesbuden – mit den Fahrrädern hinüber zum Brandenburger Tor. Schon sehr weit davor müssen wir an der Sicherheitssperre anhalten und die breite Unter den Linden zu Fuß weitergehen. Das hat nun auch für das Kind was, das erlebt auch ein Berliner Kind nicht alle Tage. Als ich es frage, ob wir am nächsten Tag wiederkommen und Barack Obama und Angela Merkel sehen wollen, überlegt es kurz und sagt, dass es Obama schon sehr gern einmal sehen wolle, aber dass es immer dort, wo viele Menschen sind, Angst bekäme, es könnte einen Anschlag geben. Mhm, sage ich. Die Fahne der russischen Botschaft ist wegen des Attentats in Manchester auf halbmast, die deutsche Flagge auf dem Hotel Adlon auch. Überall diese Zeichen, nicht zu übersehen. Und dann fällt dem Kind noch ein, dass dieses neuerliche Attentat anders als alle anderen in der Schule nicht besprochen wurde, und wir beide können uns nicht erklären, warum eigentlich. Das Kind glaubt, weil es nicht so groß gewesen ist, und ich versuche ihm diese Logik, die eine zynische Logik unserer Zeit zu werden droht, natürlich auszureden.

Das Kind will als Nächstes Max Giesinger auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor sehen. Und auch der Sänger, der vor einem Jahr wie über Nacht berühmt geworden ist und das selbst offenbar am allerwenigsten fassen kann, immer wieder muss er erzählen, wie lange er in leeren Clubs gespielt hat, ruft den Menschen von der Bühne herunter zu, dass es gut ist, dass sie gekommen sind, dass wir uns unsere Kultur von den Attentätern nicht zerstören lassen dürfen. Man selbst mag solche Sätze, die immer mehr wie Durchhalteparolen klingen, nicht besonders, aber das Kind sieht den Sänger ohnehin nicht. Gerade wurde es von einem Ordner von einem hart erkämpften, aber etwas erhöhten Platz neben einem Kameramann vertrieben, und nun ist es zu klein, um über die Schultern der Menschen vor ihm blicken zu können. Erst halte ich es eine Weile hoch, dann stellt es sich auf seinen Fahrradhelm, schließlich sitzt es auf meinen Schultern. Das schwere, große, nun bald zehnjährige Kind.

Die junge Frau neben uns bietet daraufhin ihre Schultern zur Abwechslung an, und das Kind nimmt dankend an. Ist das ein Kirchentagsmoment?, frage ich mich und stelle fest, dass diese Weichheit und Verletzlichkeit, die wir doch alle im Moment spüren, sich in Wahrheit ja nur selten zeigt. Die Angst auch. Vielleicht sind alle diese Menschen nach Berlin gekommen, um sie einmal zu zeigen und dann miteinander zu teilen, obwohl sie davon freilich nicht verschwindet. Als Katrin Göring-Eckardt während des Gottesdienstes sagte, dass Menschlichkeit keine Obergrenzen kenne, haben viele, sehr viele der Zuhörer geklatscht, obwohl sie in ihren Outdoorjacken und Rucksäcken gar nicht wie eine Elite ausgesehen haben, sondern eigentlich wie ganz normale Leute.

Am nächsten Tag wollen wir über das Messegelände laufen, das sich für ein paar Tage wie ein Jahrmarkt gebärdet. Überall Stände und Stände und Stände für allerlei Dinge. Das Kind interessiert sich dafür nicht die Bohne, es hat einen Block und einen Stift in der Hand, weil es ja ein richtiger Reporter sein will, und notiert sich nichts. Aber ich sehe, dass es eine Qual für ihn ist, an all den Pommes- und Hotdog- und Pizza- und Pasta- und Sandwich-Buden vorbeilaufen zu müssen. Das ist für so ein Kind wesentlich schwieriger, als den Glauben zu sehen. Mama, mir fällt hier nichts ein, sagt es und will weiter zum Tempodrom. Auch der Innenminister, der auf einem der Podien gerade sinngemäß einen seiner stets markigen Sätze sagt, wonach man sich als Christ wie ein Christ verhalten soll und nicht die ganze Zeit drüber reden soll, kann es nicht aufhalten. Rund um das Tempodrom in Kreuzberg findet nämlich der Kirchentag für junge Leute statt.