Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

"Passion und Entsagung", schwärmt meine Schulkameradin, die im Volksbuchhandel tätig war, "dieses Buch ist meine Bibel: Stadt der Engel, Christa Wolf entlässt sich aus der Zuständigkeit für ihre Leser. Wo sie zur Autorin wurde, gab es andere Prioritäten, es war ihr wichtig, sich daran zu reiben. Als sie dann in den frühen Neunzigern in Los Angeles zu Gast ist, kann sie die dortige Exilantenszene noch mit ihrem aus der DDR mitgebrachten Interesse durchglühen, aber der Westen als Lebensform, diese resignierten Linken, das hat sie nicht sonderlich interessiert. Es geht halt um nix. Außer um Geld."

– "Stopp mal. Was für ein mitgebrachtes Interesse, was für Prioritäten?" – "Eine Autoren-Zuständigkeit, die sich zum Beispiel in dem viel zitierten Satz ausdrückt: 'Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.' Diesen Satz kann man als Berufsbeschreibung lesen oder als Anmaßung. Wenn er aber nicht mehr in den Schulbüchern steht als Grundmuster einer Zuständigkeit fürs Allgemeine, dann können nicht nur die Autoren, sondern auch die Politiker und Pastoren ihren Ornat in den Schrank hängen und getrost vor sich hin privatisieren."

– "Holla", entfährt es mir. – "Ich meine: Es gab in dieser DDR bis zuletzt andere Prioritäten, als auf Teufel komm raus zu produzieren und zu verbrauchen. Es ging – zugegeben sehr versuchsweise – um das eigentliche Menschsein. Ein Projekt, das nicht nur Frau Wolf bis zuletzt des Schweißes der Edlen für wert empfand."

– "Das, was du westliche Lebensart nennst, braucht also keine Deutung? Na, und ob sie die braucht. Sie braucht also gute Autoren. Sie braucht aber auch gute Pastoren und gute Politiker. Diese Berufe sind hier nicht so verwischt und vermischt, wie sie es im Osten waren, hier müssen Autoren weder die Linie der Partei vertreten oder bekämpfen, noch müssen sie erbaulich sein. Im Osten gab es da gewisse Zwänge und Vakanzen: keine Parteiendemokratie, eine sehr eingeschränkte Kirche. Da haben die Künstler einiges geleistet, was eigentlich nicht in ihr Fach fällt. Ein den Verhältnissen angemessenes und gleichwohl schräges Berufsbild. Ich hab von den Unterzeichnern dieser Biermann-Petition tatsächlich erwartet, dass sie die Staatspartei entmachten. Die Künstler waren völlig überbewertet und überfordert mit dieser Rolle als Opposition und Volksseelsorger. Es hat seinen Sinn, die Sphären des Politischen, Religiösen und Künstlerischen voneinander abzugrenzen. Christa Wolfs Abdankung, wie du es nennst, war ja auch eine Entlastung, am Schluss dieses Buches wird ihr Ton leicht, plaudernd, beinahe heiter, als dürfte sie endlich auch mal eine Reiseschriftstellerin sein."