So sieht ein Shitstorm aus, wenn er analysiert wird: knapp 10.000 Kurznachrichten von 2.992 Twitter-Accounts, wobei die eifrigsten Kurznachrichtenschreiber mindestens 20 Texte abgeschickt haben. Ziemlich schnöde Analyse für eine Kolumne. Doch Versachlichung hilft. Das sind die Daten, wenn ein Textgewittersturm gegen Margot Käßmann losbricht. Dabei hat die Reformationsbotschafterin nicht einmal einen Twitter-Account. Und warum eigentlich Margot Käßmann? Sie hatte auf dem Kirchentag die Forderung der AfD nach einer höheren Geburtenrate kritisiert. Schon lange vorher haben Tausende von Pastorinnen und Christenmenschen klare Worte gegen das Parteiprogramm der AfD gefunden. Wenn es gut gelaufen ist, haben sie auch emotional angefasst noch unterschieden zwischen Person und Amt, zwischen Mensch und Programm. Sie haben nicht herumgebrüllt, sie haben nicht mit Fäusten in der Luft herumgewedelt und sind vorsichtig mit Wortplakaten umgegangen. Linke und Konservative, Fromme und nicht ganz so Fromme haben darauf hingewiesen, welche Punkte nicht mit dem christlichen Glauben übereinstimmen. Dabei können die meisten unterscheiden: Faschismus ist nicht Nationalsozialismus ist nicht neue ist nicht alte Rechte. Wie das geht, hat Markus Dröge, Bischof aus Berlin, auf dem Kirchentag in einer Debatte beeindruckend nüchtern gezeigt.

Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Der Shitstorm trifft trotzdem nicht ihn. Er trifft Margot Käßmann. Vielleicht ist sie die einzige Protestantin, die sich hochrangige Vertreter der AfD merken können. Sie ist nun mal immer noch öffentlich präsent, da steigt offenbar die Lust, ihr mit Falschdarstellungen, Verkürzungen und bösen Worten über das Maul zu fahren. Und wer die Welt in Fans und Feinde aufteilt, könnte auf die Idee kommen, dass die, die sich jetzt schützend vor die bekannteste evangelische Pastorin stellen, ebenfalls dumme Gutmenschen, Linksradikale oder unverbesserliche Deutschlandhasser und Christusverächter sind.

Wenn ihr es so haben wollt: Dann bin ich’s heute. Gutmensch, radikal. Wahrheitsvernarrt, einseitig, blind vor Wut und Liebe. Ich stelle mich links und rechts neben sie, die Kollegin. Und vor sie und hinter sie. Wir können uns streiten und müssen in tausend Dingen nicht einer Meinung sein. Das ist ja das Schöne am Protestantismus. Aber niemals, hört ihr, niemals, lasse ich mir von euch sagen, wer zu den Liebhaberinnen Christi gehört und wer nicht. Und niemals, hört ihr, niemals, lasse ich mir von euch sagen, wie ich mein Land oder meine Schwester im Amt und im Glauben zu lieben habe. Deshalb klar und deutlich: Margot Käßmann steht hier nicht allein. Weder auf Twitter noch in den seltsamen Rundmails, die in diesen Tagen in meinem Postfach liegen und mit Bibelwortschleudern gespickt sind. Ihr lest das hier natürlich nicht, doch weil ihr’s so plakativ mögt: Je suis Margot.