Ein windiger Frühlingstag in Desenzano am Gardasee. 40.000 Einwohner zählt die Gemeinde in der Lombardei, dem Herzland der Lega Nord. Matteo Salvini, der Parteichef, wird bald auftreten, um den lokalen Kandidaten der Lega Nord für die Gemeinderatswahlen zu unterstützen. Am 11. Juni wird landesweit in über 1.000 Gemeinden gewählt, darunter in großen Städten wie Verona, Genua und Palermo. Die Wahlen sind ein Testlauf, spätestens 2018 stehen in Italien Parlamentswahlen an. Dann wird man sehen, wie stark Matteo Salvini wirklich ist.

Geert Wilders, Marine Le Pen, Frauke Petry – 2017 sollte das Jahr europäischer Rechtspopulisten werden. Es kam anders. Wilders gewann die Wahl in den Niederlanden nicht, Le Pen wurde nicht französische Präsidentin, Petry ist halb entmachtet, ihre Partei tritt auf der Stelle. Die populistische Welle scheint abgeklungen. Doch einer ist noch da und hat Erfolg: Matteo Salvini. Die Lega Nord liegt in Umfragen bei 15 Prozent – so viel Zustimmung hatte die rechte Partei noch nie in ihrer mehr als dreißigjährigen Geschichte. Woher bloß bezieht Salvini seine Kraft?

"Welche Probleme haben Sie denn in Ihrer Stadt?" Der Aktivist der Lega, der gerade ein Transparent an einem Terrassengeländer anbringt, antwortet: "Probleme?" Er zuckt mit den Schultern: "Eigentlich keine. Es geht uns gut!" Das Transparent ist festgezurrt. "Desenzano hat immer gut vom Tourismus gelebt. Schauen Sie sich um. Wir sind von Gott beschenkt worden!" Dann macht er eine Handbewegung, als ziehe er einen Vorhang weg: Postkartenidylle.

"Keine Probleme" – das ist eine erstaunliche Aussage, denn Salvini spricht fast nur von Problemen. Er wird es auch hier in Desenzano tun. Er wettert gegen die EU, den Euro, die Migration, den Islam, die Bürokratie. Wenn er spricht, ist der Untergang nicht weit.

Der Apokalyptiker Salvini ist auch unter Menschen populär, die ein gutes Leben haben. Gründe dafür gibt es: Auch hier, im beschaulichen Desenzano, ist die chaotische Welt bedrohlich nah an die Menschen herangerückt. Libyen etwa. Jährlich kommen Hunderttausende Flüchtlinge an Italiens Küsten an. Das löst Ängste aus. Auch in der schönen Lombardei kann es schnell düster werden, wenn Salvini über die Gefahren redet, die Italien bevorstehen. Er spricht meist vom "sacro territorio", dem heiligen Territorium. Dieser Begriff ist zentral, um Matteo Salvini und die Lega Nord zu verstehen. Kürzlich sagte er auf einem Parteikongress: "Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert der Imperien, das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Nationalstaaten, das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Gemeinden sein, der Provinzen, der Territorien!"

Die Lega Nord ist Anfang der achtziger Jahre gegründet worden. Sie wollte den reichen Norden Italiens vom armen Süden trennen. Daraus wurde nichts. Die Partei ging mit dem früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi Regierungskoalitionen ein, verschliss sich an der Macht, verlor die Orientierung und schließlich die Wahlen. Als Salvini im Dezember 2008 Parteichef wurde, lag sie nur noch bei drei Prozent. Seitdem versucht der 1973 in Mailand geborene Salvini, die Lega Nord von einer Regionalpartei zu einer nationalen Kraft zu machen. Er tritt in Palermo, Catania, Frosinone auf – er wagt sich also in den tiefsten Süden Italiens vor, dorthin, wo nach früherer Diktion der Lega Nord die Barbaren leben, die den brav arbeitenden Norditalienern das Blut aussaugten.

Doch es wäre falsch, zu glauben, dass Salvinis Lega Nord den Separatismus begraben hätte. Wollte sie in den achtziger Jahren den Norden Italiens vom Rest des Landes abtrennen, so will Salvini heute Italien von der Globalisierung und der EU abkoppeln, um das "heilige Territorium" zu verteidigen. Gestern ging es gegen Rom, heute gegen Brüssel.