Nur 20 Kilometer trennen Julia Semjonowna und Aneta Jeremowna voneinander. Was sie weiter voneinander trennt, ist ihr jeweiliges Vertrauen in den russischen Staat. Julia Semjonowna wohnt im Süden Moskaus, Aneta Jeremowna im Osten der Stadt. Am 2. Mai erfahren beide aus der Zeitung, dass ihre Häuser unter den fast 4.600 Gebäuden aufgeführt sind, die abgerissen werden sollen. Während Julia Semjonowna seit Jahren auf eine neue Wohnung hofft, fürchtet Aneta Jeremowna genau das. Sie habe im Prinzip nichts gegen einen Umzug, sagt Aneta Jeremowna. Aber sie glaube nicht daran, dass der Staat ihr eine bessere Wohnung schenken wolle.

Mit dem Wohlwollen von Wladimir Putin hat der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin das größte Abrissprogramm in der jüngeren Geschichte Moskaus aufgelegt. Mehr als eine Million Moskauer sollen umgesiedelt werden, die Kosten werden auf bis zu 3,5 Billionen Rubel geschätzt, also etwa 55 Milliarden Euro. Tausendfach sollen die fünfstöckigen Chruschtschowkas weichen – kastenförmige, schlichte Häuser, die der KP-Generalsekretär Nikita Chruschtschow von 1957 an massenhaft bauen ließ. Die Chruschtschowkas waren beengt, hatten dünne Wände und waren dennoch Luxus. Sie linderten die Wohnungsnot in den überfüllten Städten, vor allem in Moskau. "Gewöhnliche Leute ... bloß die Wohnungsfrage hat sie verdorben", ließ Michail Bulgakow den teuflischen Voland in dem Roman Meister und Margarita über die Moskauer urteilen.

Oft hausten mehrere Familien in einer Wohnung, mit den Chruschtschowkas aber bekamen sie etwas Privatsphäre. "Das alles – unsere, unsere Wohnung. Die Küche ist unser, unser, die Fenster unser, die Tür unser, ich traue meinen eigenen Augen nicht", heißt es in der Operette Moskau, Tscherjomuschki von Dmitrij Schostakowitsch, die 1958 uraufgeführt wurde.

Es brauchte nur zwölf Tage, um eine Chruschtschowka zu bauen. Es brauchte nur ein paar Jahrzehnte, bis diese Häuser baufällig wurden.

Seit Jahren lässt sie die Stadt nach und nach abreißen. Doch der jetzt von oben durchgedrückte Massenabriss wird zu einem Lehrstück über das Verhältnis zwischen der Macht und den Menschen, die sich aus Furcht um ihre Wohnungen emanzipieren. Aus Bewohnern werden Bürger.

Im Osten der Stadt, in Lefortowo, bangt Aneta Jeremowna um ihre zwei Zimmer, die ihr in einer Vierzimmerwohnung gehören. Politik hat sie nie interessiert. Ihre Nachbarn kannte sie kaum. Wenn sie aber in diesen Tagen durch das Treppenhaus geht, bleiben die Nachbarn stehen. Fast alle sind gegen den Abriss. Wer eine neue Wohnung zugeteilt bekommt, muss binnen 60 Tagen umziehen und kann gegen die Entscheidung nicht klagen, so sieht es jedenfalls der Gesetzentwurf vor, der Anfang Juni in die nächste Lesung geht.

Also wehren sie sich. Sprechen darüber, wann sie dem Bürgermeister die Petition mit ihren Unterschriften überreichen wollen, in der sie fordern, dass ihr Haus verschont werde, lernen Paragrafen auswendig und ihre Rechte kennen. Sie waren auf der Demonstration im Zentrum Moskaus, zu der Mitte Mai 20.000 Menschen strömten. In einer anderen Region sammelten Bewohner Unterschriften, damit ihr Abgeordneter, der den Gesetzentwurf mitverantwortet hat, zurücktritt. Eine Handvoll Aktivisten überlegt, bei der nächsten Kommunalwahl zu kandidieren. Wollte man eine Anleitung für eine Bürgerbewegung schaffen: Das wären die ersten Schritte.

Zwanzig Kilometer weiter südlich, im Bezirk Tsaritsino, hat Julia Semjonowna nichts, worum sie fürchten müsste. Sie hat von der Stadt ein Zimmer in einer Chruschtschowka gemietet. Zehn Quadratmeter für sie und ihren Mann. Im Zimmer nebenan wohnen die Nachbarn auf 17 Quadratmetern. Das winzige Bad, die Fünf-Quadratmeter-Küche und der Flur werden geteilt: knapp 40 Quadratmeter für zwei Familien.

Als Julia Semjonownas Familie das Zimmer hätte "privatisieren", also es in ihr Eigentum umwandeln können, schmiedete sie einen Plan: Lieber wollten sie warten, bis die Stadt sie umsiedeln würde. Dann erst wollten sie die neue, schönere Wohnung privatisieren. Der Plan könnte jetzt aufgehen.

Kürzlich hat sich Julia Semjonowna als "aktive Bürgerin" eingetragen – im Dienste der Stadt überzeugt sie ihre Nachbarn davon, für den Abriss zu stimmen. Denn das geplante Gesetz über die Renowazija, über die Verbesserung der Wohnverhältnisse, hat so viele Moskauer unruhig gemacht, dass die Stadt die betroffenen Bewohner abstimmen lässt, ob ihr Haus zum Abrissprogramm gehören soll. Doch wer nicht abstimmt, zählt automatisch als Befürworter. Und es reicht, wenn 75 Prozent eines Hauses den Abriss wollen: Das Kollektiv verfügt über das Eigentumsrecht des Einzelnen.