In der 149. Straße trägt jeder Dritte eine Yankees-Cap, vom Müllmann bis zum Gangsta. Ich gehöre jetzt fast schon dazu. Die Einzigen, die Notiz von mir nehmen, sind die Bettler, die nach Vierteldollars fragen und sich dann überschwänglich bedanken, "God bless you!". Die anderen gehen mir aus dem Weg, so wie sie sich gegenseitig aus dem Weg gehen. Offene Aggressionen sehe ich selten, aber wenn mal ein Streit ausbricht, klingt es immer wie Battle-Rap, sogar bei den Frauen: "Suck my fucking pussy, you know what I’m sayin?" Fluchen können sie alle in der Wiege des Hip-Hop.

Aber wo ist eigentlich der Rap? Fast alle hier tragen Kopfhörer unter der Kapuze, ab und zu rappt einer mit, "shoot that nigga", einmal lässt ein weißer SUV die Straße beben, am Steuer ein Gangsta mit schwarzem Kopftuch. Aber sonst? Aushänge zu Partys finde ich nirgends, der Portier empfiehlt mir einen Nachtclub, The Living Room II. Im Internet steht der Dresscode: "Keine Turnschuhe, Kapuzenpullover und Caps." Ich habe nichts als Turnschuhe und Kapuzenpullover dabei. Ich finde noch einen zweiten Nachtclub in der Gegend, Sin City Cabaret – aber der entpuppt sich als Stripclub.

Am nächsten Tag fahre ich nach Manhattan, wo die Tour "Birthplace of Hip Hop" startet. Mit einem Dutzend anderer Touristen besteige ich einen Kleinbus. Ein gealterter Rapper mit blütenweißer Cap, verspiegelter Sonnenbrille und Goldketten stellt sich vor: "Ich bin Grandmaster Caz, MC und DJ, ich war Breakdancer und Graffiti-Artist, und als der Hip-Hop erfunden wurde, war ich dabei. Ich bin also mehr als qualifiziert, euch zu zeigen, wie alles begann!" Wir rollen durch Harlem, die Bässe pumpen, dass die Scheiben zittern. Als wir auf die rostige Macombs Dam Bridge fahren, ruft Caz: "Now we come to my part of town: the Boogie Down Bronx!"

Wir biegen in die Sedgwick Avenue, links der Highway, rechts die braunen Häuserblocks. Am Eingang der Nummer 1520 bleiben wir stehen. "Hier", sagt Caz, "wurde der Hip-Hop geboren." Am 11. August 1973 legte DJ Kool Herc im Gemeinschaftsraum zwei identische Platten auf und mixte daraus die ersten Breaks der Geschichte. Grandmaster Caz, damals noch Curtis Fisher, wohnte zwei Blocks weiter und sah die Leute die Straße runterströmen. Aber so richtig, das muss der Grandmaster jetzt zugeben, war er doch nicht dabei: Seine Mutter ließ ihn nicht gehen, er war erst zwölf.

Am Ende der dreistündigen Tour habe ich vieles gesehen: Die Kirche, in der Notorious B.I.G. beigesetzt wurde; die Kreuzung, an der Big L erschossen wurde, zur Zeit der Hip-Hop-Bandenkriege zwischen Ost- und Westküste; den Walk of Fame am sechsspurigen Grand Concourse, wo auf Schildern neben Sportlern und Schauspielern auch Rapper wie KRS-One und Grandmaster Caz verewigt wurden. Vom Hip-Hop im Jahr 2017 aber habe ich auf der Tour so wenig gesehen wie zuvor auf den Straßen. Keine B-Boyz, keine Rapper, keine Block-Partys. Nicht mal besprühte U-Bahnen.

Graffiti – das packte mich damals noch mehr als die Musik. Mit schwarzen Markern, die ich bei Karstadt klaute, kritzelte ich meine Tags auf Stromkästen und Bussitze: Dee, Spike, Rekle-one, Hauptsache, es klang englisch. Mein Nachbar Ole beschmierte sein ganzes Zimmer. Björn, immer einen Schritt voraus, blätterte in Magazinen mit Fotos von U-Bahnen, die durch die Trümmer der Bronx fuhren.

Einer, dessen pieces damals um die Welt gingen, ist John Matos. Er führt heute eine Graffiti-Galerie unten am Hafen, im selben Block wie die Pizzeria. Als ich mit Abatelli da war, war sie dicht, aber jetzt, an meinem letzten Tag, ist die Tür offen. Matos, ein schlanker Kerl mit grauem Haar, spricht harten Slang und kippelt auf seinem Klappstuhl, als sei er immer noch ein schwer erziehbarer Schuljunge. Er ist als Sohn puertoricanischer Einwanderer in den houses groß geworden. Mit 13 begann er, U-Bahnen zu besprühen, Künstlername Crash; mit 19 verkaufte er die ersten Bilder auf Leinwand; mit 21 reichte der Erlös, um für seine Eltern, seine beiden jüngeren Geschwister und sich selbst ein Haus im ruhigen Norden der Bronx zu kaufen – gerade rechtzeitig, bevor das Crack kam und aus dem Albtraum im Süden die Hölle machte. Erst vor ein paar Jahren kam Matos zum Arbeiten ins Viertel zurück.

Es sei gut, dass sich in der South Bronx was tue, sagt er. Nur würden sich die Investoren einen Scheiß um die Bewohner scheren. "Die ignorieren, was hier ist. Und wundern sich, dass die Scheiben ihrer Limousinen eingeschlagen werden." Man hätte mixed living- Häuser mit Wohnungen für unterschiedliche Einkommensklassen bauen können. Aber hier wird nichts gemischt. Im Oktober 2015, erzählt Matos, gab Milliardär Keith Rubenstein, einer der Investoren, eine Halloween-Party. Adrian Brody und Naomi Campbell kamen, aber aus der Nachbarschaft war niemand eingeladen. Auswärtige Künstler dekorierten eine alte Pianofabrik mit ausgebrannten Autowracks. Die Gäste posteten Fotos mit dem Hashtag #TheBronxIsBurning. Das Trauma des Viertels als Partymotto – viele Blogger und Bewohner der Bronx brachte das auf die Palme. Das Ghetto als place to go: Wahrscheinlich finden die meisten auch Touris wie mich nicht ganz so cool.

Das Ghetto am Hafen wird es wohl nicht mehr lange geben: Die Mitchel Houses, sagt Matos, sollen privatisiert werden. Lange würden sie dann nicht mehr stehen. Der "Piano District", wie die Immobilienmakler das aufpolierte Ende der South Bronx inzwischen nennen, wird wachsen, die Miete steigen. "In zwei Jahren bin ich hier weg." Matos sagt das ohne Wut, irgendwie resigniert. Wer in der Bronx aufgewachsen ist, hat gelernt zu kämpfen; wer aus New York kommt, weiß aber auch, dass er gegen das Geld nicht gewinnen kann. So ist das eben im Melting Pot, der hier, am Rande des Reichtums, gar kein Melting Pot ist, weil nichts verschmilzt, sondern den Armen Feuer unterm Hintern gemacht wird, bis sie aus dem Kessel springen.

Es ist spät geworden. Mein Weg zum Hotel führt wieder durch die houses, im Dunkeln. Ich könnte ein Taxi nehmen. Falls eins käme. Aber Matos sagt, das sei ein "nice walk" . Rund um die Mitchel Houses ist kaum ein Mensch auf der Straße, es ist seltsam still. Ich komme mir vor wie in einer Zwischenwelt. Die neue Bronx ist noch nicht da – die alte Bronx schon weg.

An der finstersten Ecke, dort, wo die Patterson Houses auf die Mott Haven Houses treffen, ist es plötzlich taghell. Die Polizei hat mobile Strahler aufgestellt, die grelles Licht auf Straßenecken und Hauseingänge werfen. Keine Block-Partys, keine brennenden Mülltonnen, nur diese Flutlichter und das Surren ihrer Generatoren.

In die Bronx? Keine Angst, da braucht ihr keine schusssichere Weste. Zu 99 Prozent passiert euch nichts. Aber kommt schnell, bevor die braunen Häuserblocks verschwunden sind und euch niemand mehr für hart hält, wenn ihr sagt: Ich fahre in die Bronx.