DIE ZEIT: Herr Lammert, Sie verabschieden sich im Herbst nach 37 Jahren aus dem Bundestag. Sie haben vier Kanzler erlebt, Sie haben Parteien kommen und auch wieder verschwinden sehen. Als Sie anfingen, gab es weder Handys noch Internet, geschweige denn Twitter. Würden Sie heute noch einmal in die Politik gehen?

Norbert Lammert: Ganz bestimmt! Mir würde jedenfalls kein spannenderes, reibungsvolleres, aber auch kein faszinierenderes Tätigkeitsfeld einfallen.

ZEIT: Und Ihre Partei, das wäre immer noch die CDU?

Lammert: Auch das. Ich habe gelegentlich gesagt, die einzige Partei, mit der ich restlos zufrieden wäre, würde aus einem Mitglied bestehen. Das wäre ich. Schon wenn meine Frau dazukäme, würde es kompliziert, weil wir zwar in den meisten, aber eben nicht in allen Fragen einer Meinung sind. Es gibt diese etwas treuherzige Vorstellung, es müsse eine vollständige Übereinstimmung der eigenen Ansichten – die sich übrigens ja auch von Zeit zu Zeit verändern – mit den Ansichten einer Partei geben.

ZEIT: Sie haben viel über die Entfremdung zwischen Volk und Politik nachgedacht. Geht es der Demokratie heute besser oder schlechter als vor 30 oder 40 Jahren?

Lammert: Die Akzeptanz der Demokratie ist über alle, die tatsächlichen und die eingebildeten, Turbulenzen hinweg bemerkenswert stabil. Gleichzeitig wächst der Anteil an Leuten, die erhebliche Zweifel an den Institutionen dieses politischen Systems haben. Da gibt es also eine Kluft. Aber von einer Systemkrise kann bei ruhiger Betrachtung keine Rede sein. Es wird hoffentlich niemand auf die Idee kommen, dass ich Vertrauensverluste und Institutionenkritik nicht ernst nehme, aber ich empfehle, die Proportionen im Auge zu behalten.

ZEIT: Die politische Auseinandersetzung ist in den vergangenen Jahrzehnten ziviler, vernünftiger, auch unemotionaler geworden. Ist das ein Vorteil, oder schwächt das die Demokratie?

Lammert: Beides. Ich kenne kein zweites Parlament, in dem die Konkurrenzreflexe der politischen Gruppierungen und ihre Konsensfähigkeit bei der Bewältigung großer Herausforderungen sich in ähnlicher Balance befänden wie in Deutschland. Das ist eine riesige Errungenschaft. Vom geneigten Publikum wird das aber nicht unbedingt als Vorzug wahrgenommen, weil sich bei so hochgradig komplexen und deswegen auch unpopulären Themen wie etwa dem Umgang mit dem Euro und Griechenland oder der Flüchtlingskrise Besorgnisse oder Erwartungen in Teilen unserer Gesellschaft im Parlament scheinbar nicht wiederfinden. Die beachtliche Konsensfähigkeit unseres politischen Systems hat also fast unvermeidlich die Nebenwirkung, dass sich Minderheiten nicht ausreichend vertreten fühlen. Das ist eine der wichtigsten Erklärungen für die hoffentlich vorübergehende Erfolgsgeschichte einer Gruppierung, die sich prompt "Alternative für Deutschland" nennt – obwohl sie es gewiss nicht ist. Deshalb kann es auch nicht im Interesse derjenigen sein, die diesen Konsens zustande bringen, ihn als scheinbar einzig denkbare Position zu kostümieren.

ZEIT: Ist es in diesem Sinne gut, wenn die AfD in den Bundestag kommt, weil dann eine Position im Parlament vertreten ist, die bisher wegkonsensualisiert wurde?

Lammert: Gut ist, wenn das, was es in einer Gesellschaft an ernst zu nehmenden Besorgnissen, Einwendungen, Erwartungen gibt, in einem Parlament Ausdruck findet.

ZEIT: Gerade die übermäßige Vernunft des Systems verursacht also Wut in der Gesellschaft?

Lammert: Das ist mir eine etwas zu dramatische Verallgemeinerung eines ganz normalen und auch unverzichtbaren Vorgangs: Man kann nämlich auch und gerade zu wichtigen Themen unterschiedlicher Meinung sein.

ZEIT: Aber Wut gibt es, oder?

Lammert: Ja, sicher gibt es die. Aber die gäbe es vermutlich auch, wenn Erwartungen einer Minderheit zwar deutlich artikuliert würden, sich aber trotzdem nicht durchsetzen könnten.