Das Deutschlandradio ist eine der beliebtesten Hörfunkanstalten, in seinen Sendern Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova arbeiten ausgezeichnete Journalisten, die Programme spielen im gesellschaftlichen und politischen Leben eine wichtige Rolle. Doch derzeit steckt die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt in einer schweren Führungskrise.

Das Deutschlandradio braucht dringend einen neuen Intendanten, denn der bisherige Amtsinhaber Willi Steul wollte schon zum 1. Mai dieses Jahres seine Amtsgeschäfte aus Altersgründen niederlegen und führt die Anstalt nur notgedrungen bis Juni weiter. Doch die beiden für die Nachfolgeregelung zuständigen Gremien, der Verwaltungs- und der Hörfunkrat, können sich nicht auf einen Bewerber einigen. Gut möglich, dass nach der entscheidenden Sitzung am 8. Juni das Deutschlandradio ohne Führung dasteht.

Die Rechtslage ist klar. Nach dem geltenden Staatsvertrag wird der Intendant vom Hörfunkrat mit einer Zweidrittelmehrheit auf Vorschlag des Verwaltungsrats gewählt. Das heißt: Allein der achtköpfige Verwaltungsrat, in dem vier Politiker und jeweils zwei Repräsentanten von ARD und ZDF sitzen, empfiehlt eine Person. Der 40-köpfige Hörfunkrat, mit Vertretern der Länder, der Bundesregierung und sogenannter gesellschaftlich relevanter Gruppen, kann dazu nur Ja oder Nein sagen.

Warum also wird gestritten? Der Verwaltungsrat hat mithilfe einer Findungskommission vier Bewerber befragt und sich einstimmig für Stefan Raue entschieden. Er ist Chefredakteur des MDR und dort sowohl fürs Fernsehen als auch für Hörfunk und Online zuständig. Durchgefallen hingegen ist Andreas-Peter Weber, Favorit der Mehrheit des Hörfunkrats. Der langjährige Programmdirektor des Deutschlandradios ist ein Gewächs des Hauses und hat wichtige Reformen mit angestoßen. Er genießt auch die Unterstützung seines Vorgängers Steul.

Früher wäre es bei einem Streit um die Besetzung der Intendanz eines öffentlich-rechtlichen Senders darum gegangen, ob es ein Roter oder ein Schwarzer werden soll. Doch ums politische Farbenspiel geht es hier nicht, beide Bewerber stehen der SPD nahe. Vielen Mitgliedern des Hörfunkrats geht es ums Prinzip. Sie fühlen sich vom Verwaltungsrat übergangen. Sie wollen stärker mitentscheiden und berufen sich nicht ganz zu Unrecht auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2014, das die öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Gremien zu mehr Transparenz und Demokratie verpflichtet und den Einfluss der Politik zurückdrängt. Ihr erheblich größeres Gremium, so argumentieren die Hörfunkrat-Mitglieder, spiegele die gesellschaftliche Vielfalt stärker wider als der kleine Verwaltungsrat. Sie wollen kein Abnick-Verein mehr sein. Hörfunkrat-Mitglied Klaus-Peter Murawski, Chef der Staatskanzlei des grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, meint: "Der Verwaltungsrat muss endlich die neue Entscheidungskultur akzeptieren."

Doch der vom Hörfunkrat bevorzugte Kandidat Weber hätte keine Chance, vom Verwaltungsrat nominiert zu werden. Aus dem Kreis seiner Mitglieder, die sich dazu nicht öffentlich äußern, hat die ZEIT erfahren, dass es starke Vorbehalte gegen Weber gibt. Es heißt, der Deutschlandradio-Mann habe in den Bewerbungsgesprächen seinem Vorgänger Steul viele Fehler vorgeworfen, aber als Programmdirektor nichts unternommen, um die angeschwärzten Versäumnisse zu korrigieren.

Außerdem: Jene Hörfunkratsmitglieder, die den Verwaltungsratskandidaten Raue inzwischen persönlich kennengelernt haben, halten diesen fachlich für ebenso geeignet wie Weber. Ob sie ihn aber wählen werden, ist ungewiss. Viele Journalisten des Deutschlandradios hingegen erwarten von ihrem Sender, dass er sich nicht vorrangig mit sich selber, sondern mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters beschäftigt.