In einem Luxushotel im Süden Manhattans traf sich Mitte Mai, wie jedes Jahr, ein Kreis hochkarätiger Manager, um über Profit und Werte nachzudenken. Als einer der ersten Redner spricht Michael Porter, Managementtheoretiker und Professor an der Harvard Business School. Der ganzen Zusammenkunft liegt ein Konzept Porters zugrunde, das er 2011 in einem Fachartikel bekannt gemacht hatte: Creating Shared Value. Firmen, so die Botschaft, sollten nicht länger nur auf ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit achten, sondern auch darauf, Werte zu schaffen, die der Gesellschaft zugutekommen.

Großartig, denkt man, und umso besser, dass die Ideen aus Harvard kommen, das für viele als Goldstandard der Managementausbildung gilt. Dort entstand vor über 100 Jahren eine Studienrichtung, die weltweit immer beliebter wurde: der MBA, Master of Business Administration. Fast 300 Anbieter solch praxisbezogener Managementausbildung zählt allein die deutsche Hochschullandschaft, die sich entsprechend um etliche Business-Schools – teils staatlich, teils privat – vergrößert hat. Wie aber hat der MBA das ökonomische Denken in Deutschland und Europa verändert? Und was ist eigentlich die intellektuelle Architektur des MBA?

Zunächst: Hinter den Modellen der Ökonomie steckt ein gedankliches Gerüst, eine Ideologie, die – in so viele Lehrbücher und Vorlesungsfolien eingegangen – extrem wirkmächtig sein kann. Das wusste auch Michael Porter, als er sein Shared-Value-Konzept entwickelte, um nicht zuletzt Antworten auf die Finanzkrise zu finden.

Wenn man sich also im ersten Moment freut, dass endlich auch die Management-Elite darüber nachdenkt, wie die Marktwirtschaft der Gesellschaft zugutekommen kann, folgt im nächsten Moment unweigerlich die Frage: Was um alles in der Welt tat – und lehrte – diese Elite zuvor? War die Harvard Business School nicht an vorderster Front dabei, als es darum ging, eine Form des Kapitalismus in die Welt zu tragen, die Profit über alles stellte und weder Arbeitsplätze noch Umwelt schonte?

Tatsächlich festigten nordamerikanische Wirtschaftsfakultäten jahrzehntelang vor allem ein Weltbild: der Markt als einzig gültiger Maßstab aller Werte. Wenn der Markt eine derartige letztinstanzliche Rolle spielt, muss das Individuum nicht hinterfragen, ob es Werte für die Gesellschaft schafft oder moralisch handelt – es muss einfach nur den Kräften des Marktes folgen. Wer an dieses Weltbild glaubte, sah sich als eigentlichen Wohltäter der Gesellschaft und fühlte sich von denjenigen, die einseitige Profitorientierung kritisierten, ungerechterweise an den Pranger gestellt.

Dabei steckt in der These, dass der Markt ein Maßstab für Werte sei, durchaus ein gewisser demokratischer Gedanke. In einer Marktwirtschaft, so das Argument vieler Ökonomen besonders in den Hochzeiten des Kalten Krieges, entscheidet das Zusammenspiel vieler Akteure. Wenn ein Produkt Abnehmer findet, spricht das dafür, dass es wertvoll ist; floppt es, hat es eben nicht überzeugt. Wer hätte das Recht, sich über das Urteil der vielen, das sich in den Marktergebnissen ausdrückt, zu erheben? Der Staat jedenfalls sollte dies nicht tun, so das Argument, denn damit würde er Stellung beziehen zugunsten bestimmter Wertvorstellungen und Präferenzen, anstatt dem liberalen Gebot der Neutralität Genüge zu tun.

Märkte funktionieren nicht so, wie Modelle es beschreiben

Dieses Denkmodell wurde und wird an vielen Business-Schools gelehrt. Problematisch daran ist, dass es mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Märkte funktionieren schlicht nicht so, wie die Modelle es beschreiben. In vielen Modellen sind Finanzmärkte die rationalen Richter über den Wert einer Firma oder die Zahlungsfähigkeit eines Staates. Doch gerade in Finanzmärkten können bisweilen gefährliche Blasen entstehen. Hinzu kommt, dass Netzwerkeffekte, besonders in digitalen Sphären, dazu führen können, dass derjenige den ganzen Markt erobert, der anfangs nur einen winzigen Vorsprung hatte. Und schließlich setzt die Vorstellung, Märkte würden die Urteile der Bevölkerung reflektieren, voraus, dass auch alle ein Urteil abgeben können. Doch Märkte reagieren auf Kaufkraft, und die ist ungleich verteilt. Und so widmet die privatwirtschaftliche Arzneimittelforschung den Wohlstandskrankheiten der betuchten globalen Mittelschicht weit mehr Energie als dem Kampf gegen Tropenkrankheiten.