ZEIT: Warum verbringen 46 Fachärzte, zwölf Krankenschwestern, zwei Dolmetscher und eine Sozialberaterin ihre freie Zeit damit, Menschen kostenlos zu behandeln?

Ostendorf: Einige Schwestern arbeiten hier außerhalb der Arbeitszeit. Die anderen Mitarbeiter sind im Ruhestand. Alle arbeiten ehrenamtlich.

ZEIT: Haben die alle keine Lust auf Freizeit?

Ostendorf: Das ist ja keine Arbeit mit 14-Stunden-Tagen wie früher. Jeder ist zweimal im Monat eingeteilt. Hier arbeiten Ärzte, die an dem Beruf viel Freude hatten. Jetzt haben sie wieder einen Grund, sich in aktuelle Fachliteratur einzulesen. Sie sagen: Wir haben so viel Gutes erlebt durch unseren Beruf, wir wollen etwas zurückgeben.

ZEIT: Ist das bei Ihnen auch der Fall?

Ostendorf: Ich habe immer viel gearbeitet, war 18 Jahre Chefarzt des Marienkrankenhauses, anschließend habe ich eine Vorsorgeeinrichtung aufgebaut. Mit 75 habe ich beschlossen: Ich möchte nicht mehr so viel tun, aber auch noch nicht aufhören.

ZEIT: Sind Ihnen damals schon Patienten ohne Versicherung begegnet?

Ostendorf: Bis 2004 war ich Chefarzt, da gab es das kaum. Ich habe allerdings immer schon kostenlos Patienten in meiner Privatambulanz behandelt, die nicht privat versichert waren. Das habe ich von meinem Vorgänger übernommen, der mir bei der Übergabe diese Regelung ans Herz legte: "Das ist gut für Ihre seelische Hygiene."

ZEIT: Was meinte er damit?

Ostendorf: Wo fängt man als Arzt an, in die Falle zu tappen, Behandlungen zu machen, weil Geld mit ihnen verbunden ist? Es gibt viele Grauzonen, und das Absicherungsbedürfnis der Patienten ist hoch. Dann heißt es: Ach, da machen wir doch noch eine Sonografie-Verlaufskontrolle, schadet ja nicht, wird ja bezahlt.

ZEIT: So läuft das?

Ostendorf: Die Einkommen der Ärzte sind an Quoten gebunden, die auch genutzt werden müssen. Viele Chefärzte müssen zudem unternehmerisch mitdenken, weil sie in die Finanzierungsprobleme eines Krankenhauses einbezogen werden. Ständig sind sie in Sitzungen, in denen es nur um Geld geht. Wir haben unser ganzes Gesundheitssystem betriebswirtschaftlich organisiert, da ist die Versuchung groß, mehr zu machen als nötig. Das ist ein echtes Problem.