ZEIT: Welche Diagnosen stellen Sie am häufigsten?

Ostendorf: Herzschwäche, Arterienverhärtungen und Tumorerkrankungen. Aber auch Infektionskrankheiten wie Malaria, HIV, Hepatitis. Gestern hatten wir eine rumänische Familie, alle waren an Tuberkulose erkrankt.

ZEIT: Wissen die Patienten, dass Sie nicht bezahlt werden für Ihre Arbeit?

Ostendorf: Wir sprechen nicht darüber, es sei denn, jemand fragt.

ZEIT: Sind die Menschen dankbarer als Patienten mit Versicherungskarte?

Ostendorf: Ein Teil der Patienten ja! Viele sind aber auch genervt vom Warten. Jobcenter, Flüchtlingshilfe, Behörden – wir sind nur eine weitere Wartestation.

ZEIT: Wünschen Sie sich mehr Dankbarkeit?

Ostendorf: Nein. Darum geht es nicht. Es ist ja nicht nur Selbstlosigkeit. Die meisten von uns freuen sich, noch eine Aufgabe zu haben. Als älterer Mensch tut es gut, nicht nur in die Vergangenheit zurückzublicken.

ZEIT: Was müsste geschehen, damit es eine Praxis wie diese nicht mehr braucht?

Ostendorf: Der anonyme Krankenschein wäre die ideale Lösung. Die Menschen bleiben in der Anonymität, aber sie könnten alle medizinischen Einrichtungen aufsuchen wie deutsche Mitbürger mit gesetzlicher Versicherung. Es laufen momentan Modellversuche in Hannover und Göttingen, um die Kosten einzuschätzen. Mit der Einführung wären wir überflüssig. Und das wäre gut so. Dann wüsste ich zwar nicht, was ich machen würde. Aber irgendetwas würde mir schon einfallen.