Als Erstes treten nicht Darsteller, sondern Metronome auf. Sie stehen da und klackern ihren Rhythmus in die Stille. Es wird also um Taktgefühl gehen, um das rechte Maß und darum, wie man diese Ordnung durcheinanderbringt. Es ist schließlich ein Stück nach Motiven von Karl Valentin.

Ticktack machen die Metronome. Dazu zitieren die Darsteller jenen berühmten Valentin-Satz, der alles Mögliche geworden ist: Postkartenspruch, Billigbonmot, Kreativklischee. An diesem Abend jedoch wird der Satz zu einer echten dramaturgischen Leitlinie, die sowohl für die Artisten als auch fürs Publikum gilt: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit."

Was die Schauspieler in dieser Inszenierung nicht alles leisten. Sie sind Clowns, Rezitatoren, Pantomimen, Tänzer, Sänger und Rapper. Drei Frauen, sechs Männer, ein furioses Ensemble, und das ist wörtlich gemeint: Der Akteur in dieser Aufführung ist immer auch eine Furie.

Der Grundton ist Hysterie, die dominante Geste das Fuchteln, der mimisch bestimmende Ausdruck die Grimasse.

Und sprachlich, denn um Sprache und ihre Abgründe ging es Karl Valentin und geht es auch dem Regisseur Herbert Fritsch, sprachlich ist die prägende Form das Stottern. Das Stottern verwandelt den Text in Rhythmus und Klang. Das ist das Ziel dieser sogenannten Oper: der Semantik zu entkommen, die Begriffe in einem Strudel rhetorischer Spielerei, in Modulen der Bedeutungslosigkeit aufzulösen. Die Metronome waren ein programmatischer Auftakt: Fritsch und seine Mitstreiter – der Komponist Michael Wertmüller, der Dramaturg Peter Schütz – inszenieren Maßlosigkeit.

Das Ganze findet in neun Aufzügen statt nebst großem, leicht ermüdendem Finale. Das ist das Einzige, was man dieser herrlich aufbrausenden Inszenierung vorwerfen kann: Sie ist mit 120 Minuten zu lang. Denn es gibt ja keine eigentliche Spielhandlung, keine erzählerische Spur, es ist eine Nummernrevue mit den berühmten Sketchen des bayerischen Komödiendichters (Darf man bei Valentin von Sketchen sprechen? Oder sind es eher Demontagen des Sketchgedankens, der mit der Pointe immer auch eine moralische Lektion serviert?).

Es gibt die Rezitation eines Liebesbriefs mit toller Dehnungsrhetorik. "Sie haben nicht geschrie!" (Kunstpause) "Ben!"

Es gibt die Radioübertragung aus der Hölle, wo das Personal aufgrund einer semantischen Störung am Rande des Burn-outs agiert. Wenn einer ruft, die Straßenbahn ist verspätet, "hol sie der Deibel!", dann müssen die teuflischen Sprachausleger auf die Erde und eben die Straßenbahn holen.

Auch den berühmten Solovortrag Das Aquarium, mit dem Valentin 1908 zum Münchner Bühnenstar wurde, hat Fritsch ins Szenenpotpourri eingespeist. Er wird hier aufgeteilt unter dem wunderbaren Jonas Hien und Bastian Reiber, sicher eines der größten Komiktalente des deutschen Gegenwartstheaters. Der Mann ist die darstellerische Quersumme aus Otto Waalkes und Jim Carrey, mit einem Schuss Buster Keaton.

Gemeinsam zerreden sie die gewohnheitsmäßige Aussage, man wohne in der Sendlinger Straße: "Natürlich wohnt man nicht in der Sendlinger Straße, wie man so sagt, denn da fährt ja immer die Straßenbahn durch, sondern in einem Haus in der Sendlinger Straße. Dort wohnt man aber natürlich nicht im ganzen Haus, sondern nur im ersten Stock. Und da geht eine Treppe hinauf, die aber auch wieder heruntergeht, natürlich aber nicht die Treppe, sondern wir – aber man sagt halt so."

Man sagt halt so.

Das ist der Feind: das sprachliche Passepartout, in dem sich die Ideologie, die Stereotypen einnisten. Valentin und sein Schüler Fritsch knöpfen sich die Abnutzung der Vorstellungswelt durch Redekonventionen und -standards vor. Gegen Ende gibt es Variationen über den Begriff "falsch". "Man ist umgeben von Falschheit! Was wird man dann? Falsch – irmspringer!" Wie sich dieses Zergliedern des Sprachmaterials zum Zerraspeln, Zerkauen und Zermampfen von Silben und Lauten steigert, das ist Wortakrobatik am Rand des Tourette.

Aber, wie gesagt, man hat es nach rund zwei Stunden dann doch begriffen: dass unsere Grammatik als Ordnungssystem ganz okay, als Spielmasse für intelligente Albereien aber großartig ist.

Das Stück als Oper auszuweisen ist jedoch eine Mogelpackung. Gesungen wird, klar, instrumentiert von einer exzellenten Big Band. Zwölf Blechbläser und dazu eine Rockcombo, bestehend aus Orgel, Schlagzeug und Bass. Aber es ist dann doch eher die Persiflage auf Arie und Lied. Eigentlich ist Valentin ein Gegenmusical: keine Botschaft, keine gefälligen Songs, dafür Klamauk und schrille Töne.

Nimm das, K-K-K-König der Löwen.

Weitere Aufführungen: 17., 21. und 29. Juni