Bereits die ersten Sequenzen bürgen für Detailbewusstsein: Dr. Watsons Tasse in Großaufnahme trägt das Emblem des Royal Army Medical Corps, darin die Äskulapschlange als Wahrzeichen der Ärzteschaft. Das belegt, wie sehr die Detektivgeschichten des Sherlock Holmes von medizinischem Wissen geprägt sind. Anhänger dürfen sich freuen: Ab Pfingsten zeigt die ARD weitere Folgen aus der BBC-Neuverfilmung von Holmes’ Abenteuern.

Neben dem berühmten Detektiv spielt dabei auch die Kunst der ärztlichen Diagnose eine tragende Rolle, so sehr, dass die Ärztezunft Sherlock Holmes seit je als einen der ihren vereinnahmt hat. In der weltweit größten Datenbank medizinischer Fachliteratur, PubMed, erzielt eine Suche nach Holmes’ Namen mehr Treffer als die nach dem Medizin-Heroen Ferdinand Sauerbruch.

Tatsächlich war es ein Chirurg, dessen phänomenale Fähigkeiten den Autor Arthur Conan Doyle während seines Medizinstudiums zu seiner Figur inspirierten. Joseph Bell war Chefchirurg am Royal Infirmary in Edinburgh, einer der ersten Universitätskliniken, in denen Studenten die Professoren zu Lehrzwecken begleiten durften. Bell verblüffte sein Publikum nicht nur mit treffsicheren Blickdiagnosen. Er konnte auch blitzschnell Wohnort, Herkunft und Beruf der Patienten erkennen. "Ich verdanke Ihnen Sherlock", schrieb Doyle seinem Lehrer später. Er habe die Fähigkeiten des realen Vorbildes nicht im Mindesten übertrieben, als er dessen Talent, zu beobachten und daraus seine Schlüsse zu ziehen, auf seinen fiktionalen Helden übertrug.

So gibt das legendäre erste Treffen von Watson und Holmes nahezu exakt eine wahre Begebenheit wieder: als Bell nämlich nach raschem Blick auf einen Kranken diesem auf den Kopf zusagte, er sei erst kürzlich aus der Armee ausgeschieden und habe in einem schottischen Regiment auf Barbados gedient. Bell löste für seine Zuhörer stets auf, wie die Wahrnehmung von Details – Hautbräune, schwielige Hände, Haare auf der Kleidung oder der Akzent – ihn zu seiner Schlussfolgerung führte. Und Doyle hatte erklärt, einen Detektiv erschaffen zu wollen, der einen Fall ebenso logisch löst, wie ein Arzt vom Symptom zur Diagnose gelangt.

Die Attraktivität dieses Konzepts ist bei Medizinern bis heute ungebrochen. Der Neurowissenschaftler Peter Kempster schrieb im Fachjournal Practical Neurology, nach Holmesscher Manier zu diagnostizieren verschaffe doch "höchste berufliche Befriedigung". Dabei attestierte Kempster auch manchen seiner Fachkollegen das gleiche intellektuelle, an Arroganz grenzende Überlegenheitsgefühl, gepaart mit Unnahbarkeit und leicht misogynen Zügen – eigentlich eine politisch höchst unkorrekte Aussage, die aber als Bekenntnis zum detektivischen Idol offenbar zulässig war. In der BBC-Serie bedient Holmes geradezu mustergültig das Bild des überheblichen Blitzdenkers: "Sie senken den IQ der ganzen Straße", rügt er da in einer Szene und äußert sich mitleidig über die "komischen kleinen Gehirne" in seiner Umgebung.

Seine Anhänger unter den Medizinern sind jedenfalls zahlreich, viele Disziplinen sehen ihn am liebsten als Experten ihres Fachgebiets. Kardiologen, Augenärzte und Toxikologen werden so selbst zu Detektiven, die in den Geschichten akribisch nach einschlägigen Erkrankungen und Hinweisen auf ihr Fach fahnden. Fündig werden insbesondere die Dermatologen, bieten doch Hautveränderungen bei Opfern und Tätern Steilvorlagen, um die Kunst des Helden vorzuführen. Die Hautärzte danken ihm das bis heute durch die 1974 gegründete Sir-James-Saunders-Gesellschaft. Namensgeber war ein Dermatologe, der in einer Holmes-Story als Fachmann zurate gezogen wird. Hinter dem Pseudonym wiederum steckte ein seinerzeit bekannter englischer Hautarzt.