Die Hoffnung der sozialdemokratischen Wahlkämpfer misst vier mal sechs Zentimeter und passt in jeden Geldbeutel. "Neun gute Gründe", die SPD zu wählen, sind auf dieser Karte aufgelistet – kurz, knackig, leicht zu verstehen. Dreht man die Karte um, grüßt ein zuversichtlich lächelnder Kanzlerkandidat. Darunter die Ansage: "Wir sind bereit."

Wenn man in diesen Tagen mit führenden Sozialdemokraten über den Bundestagswahlkampf spricht, dann erzählen sie ungefragt, wie es war, 1998, als Gerhard Schröder kandidierte und die Wahlbotschaften der SPD auf eine kleine Karte passten. Und dass es heute eigentlich so laufen müsste wie damals.

Was unweigerlich zur Frage führt, warum es diesmal mit Martin Schulz ganz anders läuft.

Während das Kanzleramt auf die Macht der Bilder setzt, glaubt die SPD an die Macht der Broschüre. Angela Merkel posierte in den vergangenen Wochen mit Ivanka Trump, diskutierte mit Barack Obama, stritt mit Donald Trump und überdeckte ihre Differenzen zu Horst Seehofer beim gemeinsamen Auftritt im Bierzelt. Zur gleichen Zeit arbeiteten sich die Sozialdemokraten durch 17 Expertenforen, sieben Perspektivarbeitsgruppen, vier Programmkonferenzen und einen Kongress, um den Wählern am Ende ein Regierungsprogramm in drei Varianten zu präsentieren: als Entwurf der Programmkommission (67 Seiten), als Beschluss des Parteivorstandes (71 Seiten nach 640 Änderungsanträgen) und als Beschluss des Parteitages (der am 25. Juni in Dortmund stattfinden wird). Eine monströse Selbstbeschäftigungstherapie.

Hat die SPD das Wahlkämpfen verlernt?

Das Problem der ausufernden Beschäftigung mit sich selbst ist zumindest mal erkannt. Beim jüngsten Treffen im SPD-Vorstand kam kurzzeitig die Idee auf, den geplanten Parteitag am 25. Juni einfach zu streichen und stattdessen Schulz auf einer kurzen Krönungsmesse auftreten zu lassen: Der Kandidat, so der Alternativplan, hätte eine flammende Rede gehalten, seine zentralen Botschaften gesetzt, die Delegierten hätten gejubelt – und alle, Kandidat wie Delegierte, wären beseelt nach Hause gefahren. Allerdings lässt sich der Parteitag nun nicht mehr absagen, zu weit sind die Vorbereitungen bereits vorangeschritten. Und so befürchtet man in der SPD folgendes Szenario: Schulz hält eine flammende Rede, setzt seine zentralen Botschaften, die Delegierten jubeln – und zerreden dann in einem Aussprachemarathon mit zahlreichen Änderungsanträgen die eigene Begeisterung.

In der SPD-Zentrale stören sich viele daran, dass Schulz noch immer fast nur auf seine Vertrauten aus Brüsseler Tagen höre: auf Markus Engels, seinen Büroleiter, der nun auch den Wahlkampf organisiert; aber auch auf Armin Machmer und Markus Winkler, zwei frühere Mitarbeiter, die in Brüssel blieben. "Die Vierer-WG" werden sie parteiintern genannt. In diesem Kreis, heißt es, fielen alle strategischen Wahlkampfentscheidungen; nur Sigmar Gabriel sei noch eingebunden.

Zur These von der Entfremdung zwischen Kandidat und Parteizentrale passt die jüngste Personalrochade: Die bisherige Generalsekretärin Katarina Barley wird neue Familienministerin, auf sie folgt Hubertus Heil. Der 44-Jährige hat bereits 2009 als Generalsekretär den SPD-Wahlkampf gemanagt – und mit gerade mal 23 Prozent desaströs verloren, was aber kaum an ihm lag. Spitzenkandidat war damals Frank-Walter Steinmeier. Nun wird Heil das einbringen müssen, was dem Wahlkampf der Genossen noch dringender fehlt als Erfahrung: ein Sinn für Strategie.