Nachdem die britische Premierministerin wochenlang um Wählerstimmen geworben hat; nachdem sie die Opfer von Manchester getröstet und sich bei Donald Trump über die amerikanischen Sicherheitsbehörden beschwert hat, betritt sie ein Fernsehstudio, um sich der schwierigsten Prüfung zu unterziehen. Ein Live-Interview zu ihrer Politik.

Theresa May lässt sich nicht gern befragen. Sie mag keine Situationen, die sie nicht kontrollieren kann. Auf ein Duell mit ihrem Herausforderer Jeremy Corbyn von der Labour-Partei wollte sie sich partout nicht einlassen. Jetzt setzt sie sich an einen Tisch, an dem Corbyn eine halbe Stunde vor ihr interviewt wurde. Der Moderator, der ihr gegenübersitzt, wurde einmal zum furchteinflößendsten Mann des britischen Fernsehens gewählt. Jeremy Paxman, der Rottweiler. May legt ihre Hände in den Schoß und setzt ein Lächeln auf.

Paxman holt tief Luft und führt seinen ersten Angriff aus. "Theresa May, wann wurde Ihnen klar, dass Sie sich bei der wichtigsten Frage der britischen Politik geirrt haben?"

Ein Ruck geht durch Mays Körper, sie lacht nervös. "Darf ich Sie fragen, wovon Sie reden? Meinen Sie den Brexit?"

"Natürlich!"

May hält kurz inne. Ja, gibt sie zu, sie habe während des Referendums davor gewarnt, die EU zu verlassen. Doch nun habe das britische Volk so entschieden, und sie führe seinen Willen aus. Ihre linke Hand unterstreicht ihre Worte, sie hat diese Sätze oft gesagt. Sechsmal bohrt Paxman nach, wann sie ihre Meinung zu Europa geändert habe, doch er kann sie nicht aus der Ruhe bringen. Dann will er etwas über einen anderen Meinungsumschwung erfahren: "Im März hatten Sie doch noch gesagt, dass wir keine Wahl bis 2020 brauchten, weil sie das Land nur in Unruhe versetzen würde."

Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass Theresa May zur Überraschung aller eine Neuwahl für den 8. Juni ausrief. May wollte ihre Mehrheit vergrößern, um bei den anstehenden Brexit-Verhandlungen freier auftreten zu können. Damals, Mitte April, lagen die Konservativen in den Umfragen rund zwanzig Prozentpunkte vor der Labour-Partei, es sah nach einem leichten Sieg aus. Das Volk sah dem Brexit mit dem Fatalismus entgegen, mit dem man sich auf ein lang anhaltendes Unwetter einstellt. Und selbst Linke erschauderten bei dem Gedanken an einen Premierminister Corbyn. May schwebte ein Wahlkampf vor, der wie eine Krönung ablaufen würde. Würde ihre Partei danach 40, 70 oder 100 Sitze mehr haben als die Opposition? Das waren die Fragen, die ihre Strategen nachts wachhielten.

Ein Wahlkampf, der kein Kampf ist, das war der Plan. Dann kam ihr die Realität dazwischen.

Halifax, 18. Mai. 21 Tage bis zur Wahl

An einem kühlen Donnerstagmorgen setzt sich Theresa May in ihren dunkelgrauen Jaguar und lässt sich ins Feindesland fahren. Nordengland, Heimat der alten Zechen, Stahlwerke und Fabriken. Die Arbeiter schufteten hier, bis Margaret Thatcher ihnen in den achtziger Jahren die Arbeit und die Würde nahm. Mays Wagen gleitet durch grüne Hügel und steuert das Städtchen Halifax an. Er parkt vor einem sandfarbenen Backsteinbau, von dem die Einwohner mit nostalgischem Blick erzählen: Früher wurden hier prächtige Teppiche gewebt, heute kann man das Gebäude für Hochzeiten mieten. Die Fotografen klicken, blitzen und rufen, als May aus dem Auto steigt. Eine konservative Premierministerin, die ihr Wahlprogramm in einer Labour-Bastion vorstellen will – eine Sensation!

Halifax hat beim Referendum für "Leave" gestimmt. May will es erobern. Ihre Botschaft: Sie ist die Einzige, die es mit dem Brexit ernst meint.

"Ich glaube daran, dass Großbritannien aus dieser Phase des Umbruchs stärker, fairer und wohlhabender als je zuvor hervorgehen kann", sagt May ein wenig später, als sie hinter einem Pult steht und ihren Blick über die vor ihr sitzenden Minister, Parteifreunde und Journalisten schweifen lässt. Sie trägt einen dunkelblauen Blazer und eine dezente Perlenkette, sie wirkt wie eine Schuldirektorin, die zu ihrer Klasse spricht. Vielleicht liegt es an ihrer tiefen Stimme, dass sie so überzeugend klingt: ein klarer Plan. Eine besondere Beziehung zu Europa. Eine starke und stabile Führung. Ihre Worte hallen durch die gewölbten Gemäuer.

"Meine Regierung wird dafür sorgen, dass sich Arbeit auszahlt, der Mindestlohn angehoben wird und die Rechte der Mitarbeiter beschützt werden", fährt May fort. "Ich werde die Steuern niedrig halten und die Energiepreise deckeln, damit hart arbeitende Familien nicht abgezockt werden." Moment mal, hat sie das gerade wirklich gesagt? Das waren doch lauter Versprechen der Labour-Partei aus dem vorigen Wahlkampf! Der Blick fällt auf einen Slogan, der in Großbuchstaben auf der blauen Wand hinter ihr steht: "Gemeinsam vorwärts". Viel sozialistischer geht es eigentlich nicht.