Am Ende ist es ausgerechnet das Hotel L’Arrivée, an dem das Drama seinen Höhepunkt findet, das ganz Fußball-Deutschland seit Wochen gebannt verfolgt – jenes Luxushotel, das schon einmal in dieser Saison zum Schicksalsort für Dortmund wurde. Anwesend sind an diesem Dienstag um 12 Uhr der Sportdirektor von Borussia Dortmund, Michael Zorc, und der Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, den sie in Dortmund alle "Aki" nennen, dazu der Trainer Thomas Tuchel und sein Manager.

Das Gespräch war von Watzke als große Aussprache angekündigt worden, als Krisengipfel eines Vereins, der gerade den DFB-Pokal gewonnen hat und dennoch in tiefen Problemen steckt, weil das Verhältnis zwischen Trainer und Vereinsführung zerrüttet ist. An diesem Tag wird die Trennung zwischen Borussia Dortmund und Tuchel von Watzke besiegelt. Sie kostet den Verein 2,9 Millionen Euro Abfindung und viel Renommee. Das Ende dauert nur 21 Minuten, reine Formsache. Die Trennung scheint seit Wochen beschlossen. Die Gemeinsamkeiten sind aufgebraucht.

Der Rausschmiss Tuchels ist eine gleichsam traurige wie faszinierende Geschichte, weil sie einen seltenen Blick auf die Gnadenlosigkeit und den Narzissmus dieses Geschäfts zulässt. Seit Wochen wird vor den Augen der Nation ein Schauspiel aufgeführt, in dem mit Halbwahrheiten und Desinformation gearbeitet wird, in dem es um Anstand und Moral und Vertrauen geht. Auf dem Spiel steht nicht nur viel Geld, sondern auch das Ansehen von einigen der wichtigsten Figuren im deutschen Fußball.

Zugleich ist dieses Dortmunder Debakel auch ein Beispiel für einen bislang ungekannten Kontrollverlust in einer Branche, die ansonsten so autoritär und verschlossen wie kaum ein anderes Geschäft funktioniert. Der Fußball ist eines der letzten Refugien, in denen Macht und Geschäftsinteressen hinter verschlossenen Türen zelebriert werden, in denen Dinge möglich sind, die in der Politik undenkbar wären.

Dass diese Mechanismen in Dortmund außer Kraft gesetzt sind und der Konflikt in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird, hat auch mit dem Anschlag vom 11. April zu tun, bei dem neben dem Dortmunder Mannschaftsbus drei Bomben explodierten. Durch den Anschlag haben sich Sport, Politik und Verbrechen in einer Art gemischt, mit der manche der Beteiligten keinen angemessenen Umgang gefunden haben.

Dem Feingeist Tuchel steht der Patriarch Watzke gegenüber

Und es hat viel mit den handelnden Personen zu tun, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist Tuchel, der Feingeist, der in seinem Trainingsanzug so zerbrechlich aussieht wie ein Jugendspieler und Fußball auch als Philosophie betrachtet. Auf der anderen Seite Watzke, ein Patriarch alter Schule, der Zweifel nicht zulässt und auch keinen Widerspruch, der den Verein mit harter Hand zur zweiten großen deutschen Marke nach den Bayern gemacht hat.

Wie konnte es dazu kommen, dass ein Trainer, der nach dem Pokaltriumph von den Fans gefeiert wird, der in die Champions League eingezogen ist und einen besseren Punkteschnitt als alle seine Vorgänger in der Geschichte Borussia Dortmunds vorweisen kann, ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags entlassen wird?

Als Tuchel im Sommer 2015 nach einer einjährigen Auszeit seinen Dreijahresvertrag in Dortmund unterschrieb, hatten alle Beteiligten dasselbe Ziel. Sie wollten den Verein, der in der Ära von Jürgen Klopp zwischenzeitlich auf den letzten Tabellenplatz abgestürzt war, wieder zu langfristigem Erfolg führen. Der Plan ging auf: In seiner ersten Saison mit dem BVB wurde Tuchel, der zuvor Mainz trainiert hatte, mit dem BVB Vizemeister. Der Verein war wieder da, wo er sich selber sieht: als die Nummer zwei nach den Bayern.

In seiner ersten Spielzeit muss ein Trainer mit dem Kader arbeiten, den er vorfindet. Tuchel musste liefern, bevor er neue Spieler fordern konnte. Aber in der Sommerpause des vergangenen Jahres beschlossen alle Beteiligten, die Mannschaft mit weiteren Spielern zu verstärken und nicht alle Stars ziehen zu lassen – vor allem nicht alle Stammspieler wie Mats Hummels, Ilkay Gündoğan und Henrikh Mkhitaryan. Wie es schien, hatte Tuchel die Vereinsführung auf seiner Seite. "Es ist völlig ausgeschlossen, dass alle drei nächstes Jahr nicht für Dortmund spielen. Das kann ich ausschließen", versprach Watzke im Sommer 2016 im Fernsehsender Sky.

Doch Fußball ist keine Frage der Prinzipien, sondern des Geldes. Am Ende der Transferperiode hatte der BVB alle drei Stammkräfte verkauft. Zwar stießen mit Ousmane Dembélé, Marc Bartra, und Dženis Burnić drei hoffnungsvolle Spieler dazu, aber sie mussten sich ihr Standing in der Mannschaft erst einmal erkämpfen. Hinzu kamen Sebastian Rode und Mario Götze, die sich beide nicht durchsetzen konnten und Reservespieler in ihren Clubs waren. In jenem Sommer 2016 begann etwas zu zerbrechen: das Vertrauensverhältnis zwischen Tuchel sowie Sportdirektor Zorc und Geschäftsführer Watzke.

Als Watzke mit Tuchel über den Abgang Mkhitaryans sprach, begründete er seine Wendung damit, Dortmund habe einfach nicht auf die Millionen verzichten können. Der Trainer verbarg seine Enttäuschung nicht.

Thomas Tuchel gilt in seinem Umfeld als Gerechtigkeitsfanatiker, der nur schwer verzeihen kann. Wer ihn kennt, weiß, dass er kein Mann für große Kompromisse ist. Sich zu verbiegen hält er für Verrat an den eigenen Werten.

In der Welt, in der Tuchel arbeitet, geht es aber nicht um Gerechtigkeit, sondern um Erfolg, Macht und Geld. Vielleicht war es genau diese Diskrepanz zwischen Tuchels Erwartung eines loyalen Miteinanders und der brutalen Bundesliga-Realität, die ihm in den vergangenen Monaten zum Verhängnis wurde.