Wenn die New York Times Deutschland auf die Seite eins packt, muss schon ganz Großes im Spiel sein – in diesem Fall ein "atlantisches Seebeben". Nachdem die Kanzlerin sich auf "andere", sprich: Amerika, nicht mehr "völlig verlassen" will, erblickt die Times eine globale Plattenverschiebung: die "wachsende Vorherrschaft Deutschlands im Verbund mit Frankreich".

Lange hatte Merkel Trumps Ausfälle an sich abgleiten lassen; das Amt werde Trumps pathologische Reflexe schon bald dämpfen. Vorbei, vorbei. "What you see is what you get", der Mann ist, wie er dröhnt und twittert. Jetzt setzt sich die Leidenschaftslose ab wie im Irakkrieg Schröder von Bush, und die ganze Welt soll’s wissen. Amerikas bester Freund in Europa droht mit Liebesentzug.

Und mehr: "Wir Europäer müssen unser Schicksal in die eigene Hand nehmen." Selbstverständlich. Wieso können 500 Millionen mit einer Wirtschaft, so groß wie die amerikanische, nicht für ihre eigene Sicherheit sorgen und als strategisches Schwergewicht auftreten? Der probate Spruch "Wir müssen jetzt" ertönt immer dann, wenn Amerika tut, was Europa nicht passt. Doch der Appell an den Euro-Nationalismus, hinter dem sich so oft die tabuisierte deutsche Variante verbirgt, blieb stets folgenlos.

Erstens ist das Leben unter dem amerikanischen Schirm bequem. In Zahlen: Die USA geben dreimal so viel fürs Militär aus wie die EU. Zweitens machen 28 Länder keinen Staat, der das gemeinsame Interesse verkörpert. Portugal (weit weg von Russland) und Polen (nebenan) könnten strategisch genauso gut auf zwei Planeten leben. Schließlich haben die Europäer ihren Clausewitz abgelegt, wonach Krieg die Fortführung der Politik unter Beimischung von Blei sei. England und Frankreich zeigen gelegentlich die alten imperialen Reflexe. Deutschland aber glänzt als moralische Großmacht, die am liebsten nur Aufklärungs-Tornados aufbietet, Kameras statt Kanonen.

Wer ist "wir"? England ist demnächst out, Paris wird sich Berlin nicht unterordnen. Deutschland will und kann nicht strategisch handeln – schon gar nicht gegen Amerika oder gar mit Russland. "Wir müssen jetzt" ist Selbstvergewisserung, kein Programm. Dennoch kann Europa einiges tun.

"Aushalten und Schadensbegrenzung" sei die erste Regel – so wie Helmut Schmidt den verlachten und verachteten Jimmy Carter ertragen hat. Zweite Regel: Trump packen, wo Europa Waffengleichheit genießt, nämlich im Ökonomischen. "Atlantis" ist die größte Handels- und Investitionsbeziehung auf Erden. Rüttelt Trump weiter an diesem Prachtwerk, muss die EU ihm zeigen, dass Protektionismus eine Zweibahnstraße ist. Dritte Regel: Hysterie vermeiden. Zwar hat sich Trump in Brüssel geweigert, die Nato-Beistandsklausel zu bekräftigen. Aber Taten wiegen schwerer als Trumps Tweets, verlagert Amerika doch seit Jahresbeginn 4.000 Soldaten und 2.800 Stück schweres Gerät nach Europa. Panzer sind glaubwürdiger als Paragrafen.

Selbstverlass heißt, die Waffen zu benutzen, die man hat, nicht wohlfeile Parolen von der Festplatte abzurufen. Die atlantische Gemeinschaft, das langlebigste Bündnis überhaupt, ist wichtiger als Trump, dieser Irrläufer der amerikanischen Geschichte. Ein guter Freund zieht dem Wahn Grenzen. Das ist wirksamer, als in hässlichen Zeiten von Scheidung zu träumen.