Daniel M. hält seinen Sohn im Arm und lässt ihn an seiner Brust saugen. An dieser viel zu großen, mit Milch gefüllten Brust, die er am liebsten verstecken würde. Die er gern loswürde. Durchs Fenster strahlt die Sonne und zeichnet mit ihrem hellen Licht alle Gegenstände im Zimmer ganz weich, die Couch, den Tisch, das Babyspielzeug. M., ein kleiner, schmaler Mann, hat das T-Shirt hochgezogen, man sieht die karierten Boxershorts unter seiner weiten Jeans. Jonte, drei Monate alt, nuckelt an der Brust. M. sieht ihm zu und lächelt. Ein Mann und sein Baby.

Ein Mann, der, bevor er endgültig einer wird, noch einmal richtig Frau sein muss. Für sein Kind.

Daniel M., am 9. November 1983 als Nora Leota S. in einem Dorf in Niedersachsen geboren, als Junge in einem Mädchenkörper, wie er früh ahnt, lebt heute als Transmann. Seit 17 Jahren ist Daniel M. mit seinem Mann Fabian zusammen, einem Schulkameraden, elf Jahre davon war er dessen Freundin. Sie studierten Psychologie und Geschichte, ein Paar wie eine Million andere. Erst kurz vor der Hochzeit offenbarte Daniel sich Fabian: Er wolle als Mann leben. Sie heirateten trotzdem. Und sie beschlossen, bevor Daniel auch biologisch zum Mann würde, noch ein Kind zu bekommen.

Es ist eine Entscheidung, die Grenzen sprengt und viele Fragen stellt: Wie fest steht ein Geschlecht? Was ist, wenn nicht nur eine Frau zum Mann, sondern auch eine Mutter zum Vater werden will? Kann sie das überhaupt?

"Gleich schläft mir Jonti auf dem Schoß ein", flüstert Daniel M.. Er sitzt neben der Babydecke auf dem Fußboden ihrer Souterrainwohnung in einem alten Fachwerkhaus am Rande von Lüneburg. Wald auf der einen, ein Fluss auf der anderen Seite. Die Wohnung ist klein, fast studentisch, aber es gibt ein Kinderzimmer für Jonte, dazu ein großes Wohnzimmer, Küche und Bad. Die Fensterbänke voller Blumen, Regale voller Bücher, Hesse, Brecht, Wedekind, zwei Gitarren hängen an der Wand.

"Fabian wusste immer Bescheid", sagt Daniel M.. Ein Satz, den er oft wiederholt, er scheint ihm wichtig.

Wenn Fabian M. davon erzählt, wie seine Frau gerade zu einem Mann wird, sagt er: "Es war latent da und ist immer mehr geworden, so wie wenn wir Jonti jetzt beim Wachsen zugucken. Irgendwann werden wir auch denken, der ist aber groß geworden." Er stellt Tee und Kuchen auf den Wohnzimmertisch.

Jonte soll der Beweis sein, dass Nora Leota S.s Entscheidung, zu Daniel M. zu werden, vieles infrage stellt, aber eines nicht: ihre Liebe.

Menschen, die das Gefühl haben, im falschen Körper zu leben, nennt man Transidente. In den vergangenen Jahren sind sie sichtbarer geworden. Dank Stars wie der schwarzen Schauspielerin Laverne Cox, der TV-Celebrity Caitlyn Jenner oder der Serie Transparent sind sie ins Zentrum der Popkultur gerückt. Das deutsche Model Benjamin Melzer präsentierte sich 2016 als erster Transmann auf dem Cover der Zeitschrift Men’s Health – ohne Brüste, dafür mit kräftigen Bauchmuskeln.

Aber wie verändert sich die Liebe zweier Menschen, wenn einer der beiden biologisch auf dem Weg ist, ein Mann zu werden?

Wie alles begann

23. Juli 1999. Fabian ist 17 Jahre alt, Nora fast 16. Die großen Ferien beginnen gerade. Überall riecht es nach Maisfeldern, das ist der Sommergeruch von Syke, der kleinen Stadt in Niedersachsen, Schlafstadt von Bremen, 25.000 Einwohner, ringsum Geestlandschaft, Wiesen und Wälder, ab und zu hört man den Kaffkieker vorbeituckern, nur jetzt am Abend fährt der Zug nicht mehr.

Das Getöse der Party, auf die sich Fabian hat mitschleppen lassen, ist wahrscheinlich der einzige Lärm, der noch zu hören ist. Er beobachtet die Leute, wie sie Bier und Korn trinken, als Nora durch die Tür tritt, langes, rot gefärbtes Haar, ein schön geformter Mund, die Figur eher knabenhaft – bis auf die Brüste.

Fabian sagt, er habe sich sofort verliebt, auf den ersten Blick, "auch wenn das so abgedroschen klingt".

Als Nora Fabian sieht, fällt ihr sein besonderes Kinn auf, das leicht nach vorn steht. Wie es wohl wäre, jemanden mit so einem Kinn zu küssen? "Völlig albern, ich weiß, aber so war es."

Fabian fragt Nora, ob sie nicht spazieren gehen wolle. Später sitzen sie am Rand des Gartens und beobachten die Partymeute, wie sie mit Deo und Feuerzeug Flammenwerfer basteln. Fabian raucht. Nora denkt: Wenn wir zusammenkommen, muss ich ihm das Rauchen abgewöhnen.

Um kurz nach Mitternacht küssen sich die beiden zum ersten Mal, 24. Juli 1999.

Eine Woche später steht Nora bei Fabian auf der Terrasse und hat ein Gefühl, als wären sie schon immer zusammen. Nach zwei Wochen sagt sie zu Fabian: "Ich beneide dich um deinen Penis. Ich finde das so toll, dass du einen hast."

"Kannst ihn ja mal halten", sagt Fabian. Er denkt sich nichts dabei.