"We are living inside a dream", das ist der Schlüsselsatz, und gleich zu Beginn der neuen Twin Peaks-Staffel ist er wieder da. Ein Schlüsselsatz für David Lynchs Filme im Allgemeinen, für die Serie Twin Peaks im Besonderen, die in den Jahren 1990 und 1991 den Grundstein für ein vollkommen neues Erzählen im Fernsehen legte: keine abgeschlossenen Episoden, sondern langer epischer Atem, kein bestimmtes Genre mehr, sondern eine wilde Mischung aus Krimi, Mystery, Kleinstadtdrama und Soap-Opera, kein geschlossenes Drama, sondern ein wucherndes Erzähllabyrinth mit immer neuen Wendungen und Charakteren und jeder Menge selbstreflexiver Schleifen. Ohne Twin Peaks kein Akte X, kein Lost, kein Homeland.

"Wir leben in einem Traum", hinter diesem Satz steht eine ästhetisch-philosophische Frage: Kann man etwas, wie zum Beispiel einen Traum, einen Körper, ein Leben, wirklich von innen sehen? Wie, sagen wir, in einem Bild von Francis Bacon?

Womit wir schon beim ersten Element von Lynchs Filmkunst sind, nämlich der Fähigkeit, Techniken und Gesten der bildenden Kunst auf den Film anzuwenden, am eindrucksvollsten auf den "populären Film", der Identifikation, Emotion und Effekt produziert und mit Stars aufwartet: Neben dem wahrhaft grandiosen Kyle MacLachlan als FBI-Agent Cooper sehen wir etwa Sheryl Lee als Laura Palmer wieder. Neu im Twin Peaks-Kosmos sind Hollywoodstars wie Naomi Watts, Tim Roth, Jennifer Jason Leigh und Monica Bellucci. Lynch-Filme, das heißt also zuallererst: Die Kunst und die Traumfabrik werden aufeinander losgelassen.

Das "Gerüst" für den Plot: Agent Cooper ist in einem magischen "Roten Raum" gefangen; sein böses Ich, das entstanden war, weil er seine Geliebte retten wollte, treibt sich langhaarig, schmuddelig und gewalttätig in der Welt herum. Es gibt einen neuen Mordfall, der Kopf einer Frau, der auf den Körper eines Mannes drapiert wurde, und die Ermittlungen des stocktauben Agenten Gordon Cole (David Lynch) und des sarkastisch-bösartigen Albert Rosenfield (Miguel Ferrer), eines der wunderbarsten komischen Paare seit Laurel und Hardy.

Das Leitmotiv der neuen Staffel aber ist die Rückkehr. Es geht nicht allein darum, eine Geschichte da weiterzuerzählen, wo man vor einem Vierteljahrhundert aufgehört hat, sondern um das Wesen der Rückkehr selbst. Jede Figur in diesem Twin Peaks-Nachhall hat eine eigene Rückkehrgeschichte, einige davon ganz direkt (die Rückkehr des Sheriffs in sein Büro), andere metaphorisch (die Rückkehr von Agent Cooper zu seinem "wirklichen" Ich), das meiste ohnehin gespenstisch (die ewige Rückkehr der Toten). Die Brücke wird durch diese Traumsequenz in der ursprünglichen Serie gebildet, in der Laura Palmer Agent Cooper verspricht, dass man sich in 25 Jahren wieder treffen kann.

Wer Twin Peaks: The Return (in Deutschland über Sky) als Komödie, vielleicht sogar als Selbstparodie von David Lynch auffasst, ist natürlich auf der sicheren Seite. Die Verwandlung von Agent Cooper in einen leeren Menschen, der im Spielkasino zu "Mister Jackpot" wird und dann in einer Familie ihm fremder Menschen landet, ist große Komödienkunst. Sie folgt, typisch Lynch, auf eine endlos erscheinende Traumsequenz. Wenn die Log Lady (die alte Dame mit dem mehr oder weniger allwissenden Holzscheit) einmal sagt: "Die Sterne rotieren, und die Zeit repräsentiert nichts als sich selbst", erkennen wir zudem, dass die Grenze zwischen Tiefsinn und Blödsinn willkürlich gezogen ist. In Twin Peaks und im Rest der Welt.