Wenn der Rapper Bushido und der Jazztrompeter Till Brönner einer Meinung sind, dann läuft etwas grundsätzlich schief. Zu Pfingsten verkündete Bushido: "Air Berlin, ihr seid für mich gestorben. Nie wieder Air Berlin." Zuvor war er kurzfristig auf Alitalia umgebucht worden. Da hatte Brönner sein Erlebnis schon hinter sich und schimpfte auf Instagram: "Wenn ich Konzerte so spielen würde, wie diese scheidende Airline Kunden behandelt, würde ich morgen aus dem Geschäft sein." Selten hat sich so viel Wut auf eine Fluggesellschaft konzentriert wie in diesen Tagen auf Air Berlin.

Ausgefallene Flüge, fehlende Brötchen, verschlamptes Gepäck, überforderte Callcenter: Kaum einem Passagier bleibt derzeit verborgen, wie tief Air Berlin im Schlamassel steckt. Das ist ein großer Unterschied zu früher. Lange war die Krise von Air Berlin eine, die allenfalls Aktienkäufer entsetzte. Der Existenzkampf ließ sich an der Bilanz ablesen, wo die Schulden das Vermögen weit übersteigen. Die Mitarbeiter spürten es an den Topmanagern, die sich die Büros neu einrichten ließen und kurz darauf schon wieder verschwunden waren. Nun aber ist die Krise am Boden angekommen.

Gespräche wie am Dienstag dieser Woche im Terminal C des Berliner Flughafens Tegel werden zur Regel. Gerhard Reißig, 59, auf Geschäftsreise aus Nürnberg, war fast schon überrascht von der morgendlichen Flugerfahrung: "Freundliches Personal, keine Beschwerden." Normal ist etwas anderes. Vergangene Woche fehlte ein Crewmitglied, und Reißigs Flieger hatte eine Stunde Verspätung. Auf dem Flug davor ließ sich die Airline von einem "Unwetter" aufhalten, dann von einem Streik. Sein Kollege Thomas Ossowicki, 62, kommt aus München und hat sich vorgenommen: "Ich fliege lieber mit Lufthansa, weil die zuverlässiger sind."

Sehen die Kunden gerade zu beim finalen Kampf von Air Berlin?

Solche Erlebnisse haben ihre Folgen. Allein im ersten Quartal 2017 hatte Air Berlin gut 600.000 Fluggäste weniger als im Vergleichszeitraum 2016. Ein Rückgang um über zehn Prozent.

Ist das der finale Kampf des einstigen Lufthansa-Rivalen? Sollte man überhaupt noch Air Berlin buchen für die großen Ferien? Oder ist die Fluggesellschaft im Hochsommer pleite und wird dann womöglich von der Lufthansa geschluckt?

Es gibt jemanden, der Antworten auf diese existenziellen Fragen geben kann. In seinem Büro steht ein Liegestuhl mit Air-Berlin-Logo. Da plumpst er hinein, wenn er telefonieren muss. Wochenlang hat er öffentlich geschwiegen, nun – endlich – redet der neue Chef. Thomas Winkelmann, 57 Jahre alt, ist erst im Februar zu Air Berlin gekommen. Ausgerechnet vom Erzrivalen und Platzhirsch, der Lufthansa.

Alle Welt fragt sich: Hat die Lufthansa Winkelmann geschickt, um die Sache schon mal vorzusondieren? Oder gar – das sind die fiesesten Spekulationen – um den Laden zugrunde zu richten, damit man ihn danach leichter übernehmen kann?